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dichterloh 2022: Eine GEDICHTEFAHRT

Blog, 3. Mai 2022
Wie klingt Holz, das seinen Kontext zeigt und sich gleichzeitig aus diesem löst? Wie lässt sich der Naturzerstörung und den kapitalistischen Zwängen dichterisch begegnen? Was passiert mit Sprache, wenn sie den Anfechtungen von Gewalt und Krieg ausgesetzt ist und welche Stimme(n) kann sie dabei ausprägen?
Solche und ähnliche Fragen ziehen sich durch die fünf Abende des Lyrikfestivals dichterloh – in der von Kurator und Moderator Michael Hammerschmid zusammengestellten Gedichtefahrt können Sie ausgewählte Gedichte der auftretenden Dichter*innen vorab lesen.

Anzhelina Polonskaya

Das folgende für Anzhelina Polonskaya untypische Gedicht (so untypisch wie alle ihre Gedichte) geht in eine Szene, in der etwas nicht stimmt. Etwas Grundsätzliches stimmt nicht. Aber es ist derart bestimmend, was da nicht stimmt, dass es nicht anders als scheinbar normal, alltäglich gesetzt werden kann. Das wartende Taxi, die Antwortlosigkeit des Telefons lassen den Terror erahnen. Die Spannung im Gedicht die Spannung aller Gedichte Anzhelina Polonskayas:


Chronik eines Tages


Jahreszeit – Tauwetter, auf schmutzigen offenen Stellen
des Weges. Tageszeit – völlige Leere.
Ich gehe Marina zur Kreuzung bringen.
An der Pforte sage ich: »Warte mal.
Ich ziehe mir bloß Gummischuhe an.«
Laut Aussage Swedenborgs (Zitat) »besteht die Hölle
aus Durchschnittsbauten«.
Irgendein längliches rotes Taxi
wartet rechts von meinem Zaun.
Warum bitte ich es nicht herein?
In Gedanken antwortet es: Schon gut, ich steh hier noch ein Weilchen.
Ich schimpfe mit Mutter wegen eines umgeworfenen Schälchens mit Wasser.
Ich versuche es zu zerschlagen, aber das Schälchen geht nicht kaputt.
Nachdem ich den Hund, der schon lange tot ist, losgebunden habe,
kehre ich zurück – am Ende der Straße ist niemand. Auch am Anfang nicht.
Das Telefon antwortet nicht auf mein Klingeln.
Wir stehen am Rande des Bürgerkriegs,
aber es ist noch nicht bekannt, ob Pogrome bevorstehen.


Anzhelina Polonskaya: Unvollendete Musik. Gedichte. Aus dem Russischen von Erich Ahrndt. Leipzig: Leipziger Literaturverlag 2020, S. 39.



Donatella Bisutti

Dieses Gedicht Donatella Bisuttis definiert die Liebe. Als wäre das möglich, ermöglicht sie den Konjunktiv und sagt sie, die Liebe, eine ihrer tausend Definitionen, so bestimmt wie unausweichlich, und überrascht noch einmal im zweiten Teil des Gedichts, das schon in den ersten drei seiner fünf Verse mit seiner Sinnlichkeit so sehr überrascht hat. Und es konfrontiert uns mit der großen Aufgabe, allein zu sein, zu bleiben, zu sterben.


Amore à questa lama


Amore à questa lama dal filo così netto
dalla ferita succhi, riconoscente –
toglie l’eccesso, che appesantisce l’anima
la prepara ad un più alto impegno
solitario, esangue.

Liebe ist diese Klinge


Liebe ist diese Klinge mit so scharfer Schneide
aus der Wunde saugst du, dankbar –
sie tilgt das Übermaß, das die Seele belastet
bereitet sie vor auf eine höhere Aufgabe
eine einsame, blutleere.


Donatella Bisutti: Die Alchymische Rose. / Rosa Alchemica. Deutsch/Italienisch. Aus dem Italienischen übertragen und mit einem Vorwort versehen von Franziska Raimund. Wien: Löcker 2021, S. 34–35.



Semjon Hanin

Was hier gesagt wird, und es gleicht einer Ansprache (Selbst-Ansprache?), wird gesagt, als wären wir da, wir Zuhörerinnen und -hörer, Leserinnen und Leser, als wüssten wir, worum es geht. Das Gedicht geht in diesen Zweifel weit hinein, sodass weder wir noch vermutlich (?) das Ich des Gedichts es genau wissen. Sogar die Worte werden am Ende zurückgenommen. Und doch vermessen diese Worte etwas, schaffen Klang und Raum, vermitteln Nuancen von Gefühlen, von Gegebenheiten und wagen sich ins Offene hinaus, bis an die Grenze der Erkenntnis, tauglichen Fragen gleich, ausgestalteten, austarierten Fragen gleich:


weiterhin steht geschrieben, dass es nicht auf ewig so angenehm weitergeht

wenn auch etwas unleserlich

eigentlich habe ich es ja nicht vorgehabt aber jetzt sage ich es trotzdem
auch wenn hier vielleicht nicht der richtige Ort ist
den eigenen Senf dazuzugeben
und auch wenn es schon viele vor mir gesagt haben:

die Freiheit sich nicht gerade zu halten! zu schlurfen! den Bauch raushängen zu lassen!

das ist mir jetzt so rausgerutscht, unklar, auch vom Bezug her
sonst habe ich nichts mehr zu
ich nehme meine Worte zurück


Semjon Hanin: aber nicht damit. Gedichte. Aus dem Russischen übersetzt von Anja Utler. Wien: Edition Korrespondenzen 2021, S. 27.



Daniela Danz

In der Aufzählung reiht sich ein Klang, der Klang seiner Struktur und des Wortes »Erzählung«, das in folgendem Gedicht von Daniela Danz zu singen beginnt in seiner Kombination mit Ameisen, Bienen, Wolken, Falten der Hand usw. Bis dieses Nennen in seiner Lust »weiter und weiter« abrückt vom Ich und vom Du, die es überdauert. Vom Ende des Gedichts her, von seiner anderen Seite, blickt es uns in seiner ganzen Schönheit verstörend an:


Mythos


die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört


Daniela Danz: Wildniß. Gedichte. Göttingen: Wallstein 2020, S. 49.



Martina Hefter

Wachheit, nicht nachgeben, schauen, denken und nicht zuletzt fragen, so bewegen sich die Worte dieses Gedichts von Martina Hefter durch den Supermarkt, an den Pflanzen nicht einfach nur vorbei, sondern auf den Supermarkt als gleichsam tagesaktuelles Relikt eines Abnutzungskapitalismus zu, und sie nehmen »zwei Liter Forellenlicht« mit, »Forellenlicht«? Ja, lesen Sie:


Durch den Supermarkt schlendert man.
Viele spazieren mit Bündeln der frischen Pflanze unterm Arm durch die Gänge,
tragen sie zu den Kassen.
Wie viel Leben muss ich in der Schlange verbringen.
Wo ein Gedanke von vielen zugleich gedacht wird, tritt Harmonie hervor, die
Gesichter entspannen.
Überall ist das Licht und macht mich verrückt, wie soll ich das essen? Was wird
mein Stoffwechsel sagen?
Weißes Licht, wo einmal Forellen auf Eis lagen.
Jetzt: die schlaffen Blätter der Pflanzen hinter der Pflanzentheke.
Die gehackten Pflanzen, die zu 1,99.
Ich kauf zwei Liter Forellenlicht, verstaus im Rucksack.
Hab mein Leben zu füttern, es bettelt mich an.
Gib mir was zu essen, ey.


Aus dem Kapitel »Essays über Pflanzen. Stillleben«, in: Martina Hefter: In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen. Gedichte. Berlin: kookbooks-Verlag 2020, S. 6.



Joseph Zoderer

Joseph Zoderer. Kurzgedichte. Wie hingehaucht, so plötzlich, überraschend. Feinststrukturell gearbeitet, existenzielle Schatten, Lichter, Spiegelungen, Bilder, in denen sich zeigt, dass die Metapher in der Poesie keine Metapher ist, sondern wörtliche Bezeichnung des Ungesagten, fast nicht Ausdrückbaren:


Eine Wand ohne Echo
schon das gedachte Wort
erlischt im ersten Schrei
jeder Schatten so verführerisch
aber meine Hoffnung
errötet nicht mehr


Joseph Zoderer: Bäume im Zimmer. Gedichte. Innsbruck, Wien: Haymon Verlag 2020, S. 25.



Sepp Mall

In der Trauer des folgenden Gedichts geht der Schnee ein, holt aus dem Dunkel einer Jännernacht ein Gefühl der Besitzlosigkeit. Doch zunächst weiß man noch (fast) nichts von der Trauer, sondern nimmt mit dem Gedicht nur den Zauber des Schnees, der Flocken wahr. Das Gedicht gleicht einer einfachen, elementaren Geste, die zur Teilhabe einlädt:


Ins Weite

(für Mara)

Und plötzlich dann / mitten
im Dunkel der Jännernacht
: Schnee
Ein Atemholen von ganz weit
oben
Und alles gehört jetzt den Flocken
Die Ligusterhecke im Garten
(das Öffnen der Arme)
der englische Rasen des Nachbarn
dahinter die Bäume Dachflächen Häuser

Wie gern hätt ich dir das noch gezeigt
(flüsternd am Fenster)
Dieses milde Licht / das ins Zimmer dringt
Und von morgen spricht / von
kommenden Tagen


Sepp Mall: Holz und Haut. Gedichte. Innsbruck, Wien: Haymon Verlag 2020, S. 59.



Wir danken den jeweiligen Verlagen für die Abdruckgenehmigungen.


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Programm Dichterloh 2022