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Stefan Slupetzky: Abgestempelt

Blog, 3. Juni 2022
Ende April widmete die Alte Schmiede der Kinder- und Jugendliteratur von Barbara Frischmuth ein dreitägiges Symposium – konzipiert in Zusammenarbeit mit Anna Babka, Peter Clar, Silvana Cimenti und Heidi Lexe. Zu den Anliegen der literarischen und literaturwissenschaftlichen Beiträge zählte, alternative Lesarten zur kategorischen Trennung von ›Kinder-‹ und ›Erwachsenenliteratur‹ zu entwickeln – eine Trennung, die Barbara Frischmuths Texte selbst vielerorts und mittels diverser literarischer Strategien unterwandern. In der aktuellen Ausgabe des Hammer hält Cornelius Hell Rückschau auf das Symposium und stellt Beiträge in Auszügen vor. Stefan Slupetzky schilderte in seinem Beitrag auf humorvolle Weise anhand der eigenen Werkbiografie, wie sich Rezeptionsverhalten und Vermarktungsstrategien dem Autor*innendasein aufprägen. Sein Text ist hier ungekürzt nachzulesen.



Stefan Slupetzky
Abgestempelt


Liebe Freunde, Damen, Herren,

wie komme ich dazu, hier vor Ihnen zu stehen? Wie kommen Sie dazu, mir zuzuhören? Ich meine: Was verschafft mir diesen Status, einen Status, mit dem ich mich – zugegeben – nicht ganz wohl fühle: den Status eines Menschen, der etwas Entscheidendes zu sagen hat, etwas Erhellendes, Intelligentes, Philosophisches. Ein Redner steht doch in der Hierarchie meist über seinen Zuhörern: Der König spricht zu seinen Generälen, der General zu seinen Offizieren, der Offizier zu seinen Unteroffizieren und so weiter. Jeder Einzelne von ihnen glaubt etwas zu wissen, das sein Publikum noch nicht weiß.
Aber was weiß ich? Ich bin ein Schriftsteller, und der Beruf des Schriftstellers erfordert kein spezielles Wissen. Er ist ähnlich dem Beruf des Straßenkehrers, der ja auch nur aufkehrt, was die anderen liegen lassen. Und wenn es der Zufall will, dass er an einem Tag drei abgetrennte Finger in der Gosse findet, macht ihn das noch lange nicht zum Handchirurgen.
Deshalb will ich meine kleine Ansprache mit anderen Vorzeichen versehen. Ich will mir vorstellen, dass Sie alle mir aus Freundlichkeit und Güte zuhören, dass Sie mir nur zuhören, um mir das Gefühl zu geben: Wir verstehen dich. Etwa so wie bei den Anonymen Alkoholikern.

Hallo, ich bin der Stefan, und ich bin Schriftsteller.
Jetzt müssen Sie sagen: Hallo Stefan!

Angefangen hat es harmlos. Ich war Gymnasiallehrer für Bildnerische Erziehung und Werkerziehung – »Zeichnen und Basteln« hat das in meiner Jugend noch geheißen. Ein Sozialberuf im Grunde, weil es so genannte Nebenfächer waren, in denen sich die Schülerinnen und die Schüler von den Hauptfächern erholen konnten. Wöchentlich vier Stunden, in denen sie Stress abbauen und sich austollen konnten. Es war kein Beruf, dem ich auf Dauer nachgehen wollte.
Also habe ich mich umorientiert. Vom Theoretiker zum Praktiker gewissermaßen, oder, um bei unserem Bild der Anonymen Alkoholiker zu bleiben, vom Sommelier zum Winzer. Einem eher kleinen Winzer: Ich habe zu illustrieren begonnen. Kinderbücher. Und, weil jeder spätere Alkoholiker ja irgendwann sein erstes Achtel trinkt, zu diesen Bilderbüchern die doch eher kurzen, kindgerechten Texte zu verfassen. Ich war damals sehr naiv. Wissen Sie, wie ich zu meinem ersten Verlag gefunden habe? Mit dem Wiener Stadtplan. Das ist kein Witz. Ich habe geschaut, welchen Verlag ich möglichst rasch und einfach mit der Straßenbahn erreichen kann. Gleich hinter dem Rathaus, beim Picus Verlag, bin ich auf diese Art gelandet, und dort ist 1994 mein erstes Buch, »Die Traumtöpfe«, erschienen.
Damit hat es also angefangen. Damit war ich erstmals abgestempelt. Denn sobald die ersten Bücher publiziert und sogar in ein paar einschlägigen Zeitungen besprochen worden waren, bin ich mit meinem ersten Kainsmal durch die Welt gegangen: Kinderbuchautor. Nicht einfach Schriftsteller. Nein, Kinderbuchautor.
Fragt sich nur, warum mich das zehn Bücher später zusehends gestört hat. In meinem Computer habe ich einen Text gefunden, den ich damals geschrieben habe, und den möchte ich jetzt – leicht gekürzt – vorlesen:

Die deutsche Sprache ist so reich an Verkleinerungen wie keine andere. Die putzigen Endungen -lein und -chen (zumeist mit einem kleinen Schnörkel, einem Umlaut in der Wortmitte kombiniert) gehören in jeden deutschen Haushalt, das legendäre -li in jeden schweizerdeutschen. Vorarlberg und Kärnten als österreichische Pufferzonen haben das -le abonniert, die Endungen -l, -i und -erl führen den aufmerksamen Linguistiker schließlich gegen Wien hin. Der Mann wird also zum harmlosen Männlein, Männchen, Mandale, Mandl, Mandi oder Manderl, die Frau wird zum süßen Fräulein. Zum Frauchen, Frauli oder Frauerl wird sie vor allem für den kleinen Wald, den Waldi.
Besonders in Österreich, und hier vor allem in Wien werden die Dinge gern verkleinert, allen voran solche, die unmoralisch, ungesund oder gar tödlich sind. Wahrscheinlich will man ihnen einfach den Schrecken nehmen: »Naa, nix Herzkasperl naa, Schlagerl woars a kans. A Pantscherl hod er ghobt, der Sepperl; mit der Liesl, dem Flitscherl von Wickerl hod er titschgerlt. Und dann, nach zwölf Krügerln, hod der Wickerl dem Sepperl den Feidl ins Beuscherl gsteckt, und der hod die Patscherln gstreckt, also quasi a Bankl grissen «
Österreich ist ja auch klein. Die wenigsten Österreicher wissen, was ein Diminutiv ist, aber sie verwenden ihn oft und mit Begeisterung. Die Liebe zu allem, was klein ist, reicht hier so weit, dass selbst das Kleine noch verkleinert wird. Ein Kind wird zum Kinderl, ein Zwerg zum Zwergerl, ein Knöd zum Knöderl und so fort. Ja, die Österreicher lieben das Kleine von Herzen, aber – und das ist die Crux – sie respektieren selten, was sie lieben; das hat schon der Mundl Freud erkannt.
 
Sie wissen ja wahrscheinlich, wie das ist: Man kommt mit jemandem ins Gespräch, im Kaffeehaus, beim Wirten oder sonst wo, wechselt ein paar Worte, aber nicht zu viele, ehe die unvermeidliche Frage gestellt wird: »Und was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?« Wenn Ihre Antwort beispielsweise »Softwaretechniker« ist, dann wird ihr Gegenüber nicken und meinen: »Ah ja, da kenn ich auch einen « oder »Ah ja, ich auch«. Wenn Sie sagen: »Tischler«, bekommen Sie ein »Wirklich! Tischler! Na das ist ja noch ein ehrlicher da muss man noch anpacken « zu hören. Wenn Sie als Beruf Schriftsteller angeben, werden Sie mit einem »Kenne ich etwas von Ihnen?« belohnt. Aber wehe, wehe, Sie sagen: »Ich schreibe Kinderbücher.« Sie können mir glauben: Die unausweichliche, durch keine Macht dieser Welt zu verhindernde Reaktion Ihres Gesprächspartners wird folgende sein: Er wird die Mundwinkel ein bisserl hochziehen, wird den Kopf ein bisserl schief halten und wird die Hände ein bisserl zusammenschlagen. Und dann wird er ein herzhaftes »Mei, liab!« hervorstoßen.
Ich habe schon alles Mögliche versucht, um dieser Reaktion zu entgehen. »Und was machen Sie beruflich, wenn ich fragen darf?« – »Ich, äh, bin so im Künstlerischen « – »Und was genau?« – »Ja, also, Schriftsteller « – »Und? Kenne ich etwas von Ihnen?« –  »Nun, ich weiß nicht « – »Na, was schreiben S’ denn für Bücher?« – »Also, ich habe eine ganze Reihe Kinderbü« – »Mei, liab!«

Es hat wahrscheinlich etwas mit Erziehung zu tun, mit Erziehung über viele Generationen hinweg. Kinder werden bei uns nicht ernst genommen, weil wir selbst schon als Kinder nicht ernst genommen worden sind. Als kindisch zu gelten, zählt bei uns zu den schlimmsten Demütigungen, die die Beleidigungspalette zu bieten hat. Und deshalb wird auch Kultur für Kinder nicht ernst genommen. Man will sich doch nicht lächerlich machen, man will doch nicht den Eindruck erwecken, dass man Dinge wie Kindertheater, Kinderfilme, Kinderliteratur wirklich und wahrhaftig zu schätzen weiß. Am einfachsten wäre es, sich völlig davon abzuwenden, um nur ja nicht in den Geruch des Infantilen zu kommen. Aber auch damit kommt man hierzulande nicht weit. Nur allzu leicht gilt man bei uns als Bösewicht, wenn man das Kleine, Kindliche nicht trotzdem liebt. Es ist die Quadratur des Kreises, und die war in einem Land, in dem man auch »ein bisserl schwanger« sein kann, bekanntlich nie ein Problem. »Mei, liab«, sagt man eben und geht mit mildem Lächeln seiner Wege.

Die Kinderbuchabteilung ist das Minimundus jedes Buchgeschäfts. Hier ist alles klein und süß, »mei, liab« eben; in diesem kleinen Abbild der Welt gibt es keine Knallerbsen irgendwo hinten zwischen Kiew, Tempelberg und World Trade Center; unter dem nächtlichen Riesenrad flanieren keine winzigen Nutten und die Prager Häuser sind so niedlich, dass man sich beim Fenstersturz höchstens das kleine Zecherl verrenkt. Klar, man muss schon Acht geben auf die verletzlichen Seelchen unserer Kleinen, vor allem aber muss man dem wachsamen Blick ihrer Eltern Rechnung tragen, denn sie sind es schließlich, die die Rechnung im Buchladen zahlen. Und für sie zählt ausschließlich eines: Sie wollen ihren Kindern eine heile Welt schenken, eine Welt, die sie selbst schon lange verloren haben. Das ist legitim, und es steigert den Umsatz der Buchhändler, solange die Eltern kriegen, was sie wollen, und es steigert den Absatz der Verlage, solange die Buchhändler kriegen, was sie wollen, und das wieder steigert die Herausforderung an die so genannten Kreativen, noch irgendwo irgendwie ein kleines bisserl kreativ zu sein. Denn auch die heile Welt ist eine Modesache: Manchmal sucht die Kundschaft sie in grauer Vorzeit. Dann tritt der Sales Manager oder der Marketing Consultant des Verlages an den Autor heran und sagt: »Könnten S’ uns net was mit Dinosauriern machen? Aber net zu wild, gell, sondern so liabe Dinos, Sie wissen schon « Oder Zauberlehrlinge sind en vogue. Oder Pferderln. Nein, Pferderln gehen eigentlich immer Das ganze heißt Markt, manchmal sogar freier Markt, wahrscheinlich, weil sich dieser Markt die Freiheit nimmt, der Kunst ihre Grenzen zu setzen: Die Kunst kommt nicht mehr von Können, sondern von Dürfen, sie wird also mehr und mehr von der Kunst zum Dunst.
Früher, als ich quasi noch auf der anderen Seite stand, auf der des Konsumenten nämlich, da habe ich mir immer gedacht, dass alle Kinderbücher von unbedarften Tanten mit Lockenwicklern geschrieben werden, die glauben, dass die ganze Welt ganz bald ganz gut wird, wenn man sie den Gschrapperln nur schon recht früh als Zwergerlparadies präsentiert. Für die Jugendbücher, so dachte ich, zeichnet dagegen eine Schar von bebrillten, schmallippigen Psychologinnen verantwortlich.
Die Jugendbücher! Sie sind mir immer vorgekommen wie die Diabetikerschokolade im Supermarkt. Ich habe nie eines gelesen, jedenfalls als Jugendlicher nicht. Was die Verpackung verspricht, ist da niemals drin, habe ich mir immer gedacht, das Zeug hat erst mal hunderte Pädagogenkommissionen und Kirchengremien passieren müssen; das liest sich sicherlich wie das Wort Scheiße, als Sch mit drei Punkten geschrieben, und wenn da was von Sex drinsteht, dann höchstens mit dicken schwarzen Balken drüber, entschärft, gezähmt und zensuriert. Warum? Warum ich das dachte? Ganz einfach: Sonst wären es doch keine Jugendbücher, die, mit einem Jugendbucheinband versehen, in der Jugendbuchabteilung des Buchladens darauf warten, von Jugendlichen gekauft zu werden. Ich meine, dann wären es einfach Bücher, Literatur wie jede andere auch.
Oder heißen sie Jugendbücher, weil es darin um Jugendprobleme geht? Um Dinge wie Liebe, Krankheit oder Krieg, also um Themen, die uns Erwachsene schon lange nichts mehr angehen ...
Oder heißen sie Jugendbücher, weil sie einen Erziehungsauftrag erfüllen (je pädagogischer, desto hinterfotziger natürlich)?
Oder sind es Jugendbücher, weil sie plump und anspruchslos, mit einem Wort: so schlecht geschrieben sind, dass sie jeder Kretin – und die meisten Pubertierenden sind ja, wie wir wissen, Kretins –verstehen kann?
Je länger es her ist, dass ich die Seiten gewechselt habe und vom Leser zum Schreiber geworden bin, desto weniger glaube ich, dass es überhaupt Jugendbücher gibt. Ein Teil der jährlichen Buchproduktion wird halt mit diesem Etikett versehen, weil unser aller Gott, der Markt, seine Schäfchen sortiert und in Zielgruppen ordnet. Da müssen dann eben auch die Jugendlichen gesondert bedient werden, sonst hätte der Markt eine Lücke, und so eine Lücke im Dunst des Profits geht gar nicht.
Habe ich jemanden bei meinem Rundumschlag vergessen? Ja, natürlich, die Journalisten und Kulturredakteure! Bei ihnen verkümmert die Kinderliteratur zum Topfpflanzerl, das, wenn’s hoch kommt, zwei Tage im Jahr ein bisserl blühen darf: Einmal kurz vor Ostern und einmal kurz vor Weihnachten. Zu diesen Zeiten ist der Markt so hungrig, dass es sogar ein Kinderbuchspalterl im Literaturteil der Zeitungen gibt.

Da stehen wir also. Ein bisserl belächelt, ein bisserl beschnitten, ein bisserl zurechtgebogen und sehr sparsam gegossen. Mit einem Wort: Bonsais im großen Kulturdschungel.
Es ist schwer, sich da nicht unterkriegen zu lassen. Weder von der täglichen Nichtachtung und vom wöchentlichen »Mei, liab!«, noch vom monatlichen Kontoauszug.


Ich bin der Stefan, und ich bin Schriftsteller.
Kann man ein Kainsmal loswerden? Natürlich: Man muss einfach nur ein größeres darüberstempeln. So wie ich im Jahr 2000. Da hatte ich die Gelegenheit, das Brandzeichen des Kinderbuchautors zu tilgen. Meine damalige Münchner Kinderbuchverlegerin hat mich gefragt, ob ich mir zutraue, ein längeres Buch zu schreiben. Einen Kinderkrimi, um genau zu sein. Ich habe ja gesagt. Und weil die ersten Seiten meines Manuskripts vor Derbheit und Brutalität nur so gestrotzt haben, war sehr bald klar: Als Kinderbuch wird das der Markt nie akzeptieren.
Der Kinderbuchverlag ging in Konkurs. Und ich machte mich – diesmal ohne Stadtplan – wieder auf die Suche nach einem Verlag. Im Jahr 2004 ging »Der Fall des Lemming« bei meinem damaligen Traumverlag in Druck. Bei Rowohlt. Und 2005 wurde er mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet.
Mehr hab ich nicht gebraucht. Ich war, wie wir Abhängigen zu sagen pflegen, angefixt.
Die Folge waren weitere Lemming-Bücher, Interviews und Rezensionen in den österreichischen und deutschen Zeitungen, Burgdorfer Krimipreis, Radio-Bremen-Krimipreis und Leo-Perutz-Preis. Fast hundert Lesungen im Jahr, Einladungen nach Belgien, Italien, Finnland, nach Rumänien, in die Schweiz und in die USA. Mit Willi Resetarits jeden Sonntag eine Stunde lang im Radio. 2009 dann die Verfilmung von »Der Fall des Lemming«.
Ja, das Brandzeichen war groß und tief. Ich war kein Kinderbuchautor mehr, ich war Krimiautor. Nicht einfach Schriftsteller. Nein, Krimiautor.
Fragt sich nur, warum mich das zehn Bücher später zusehends gestört hat. Einfach deshalb, weil diese zehn Bücher durchaus nicht nur Kriminalromane waren. Ein Reisebuch über Mauritius, mehrere Kurzgeschichtenbände, eine Science-Fiction-Novelle, ein autobiographischer Familienroman. Dazu kamen sieben Theaterstücke, sechs davon für die Festspiele Reichenau. Im letzten Jahr ist eine Sammlung fiktiver Grabreden erschienen, auf die ich besonders stolz bin.
Ein sehr guter Freund von mir sagt manchmal: »Wieso soll ich mit dem Rauchen aufhören? Es ist das Einzige, was ich wirklich gut kann.« Ja, er ist Raucher. Und als solcher ohnehin schon ausgegrenzt. Ist es denn nötig, ihm auch noch den Stempel der speziellen Zigarettenmarke aufzudrücken, die er raucht? Wird er beim Arzt, bei der Versicherung oder im Krankenhaus als Marlboro-, Camel- oder Kentraucher geführt? Ist eine Querflötistin, die mit einer Bachsonate reüssiert, von da an nur noch eine Bachflötistin? Ist ein Koch, der eine halbwegs gute Eierspeis zusammenbringt, ein ausgewiesener Eierspeiskoch?
Nichts gegen Marlboro, Bach und Eierspeis. Und nichts gegen Literatur, in der das eine oder andere Verbrechen seinen Platz hat. Aber mit Betonung auf Literatur.
In meinem Computer habe ich einen Text gefunden, den ich damals geschrieben habe, und den möchte ich jetzt – leicht gekürzt – vorlesen:

Es ist halt leider ein Naturgesetz, von Karl Kraus so treffend formuliert: Der größte Stiefel hat den höchsten Absatz. Und das so genannte Krimigenre ist – gemessen an den Absatzzahlen – ein ganz enormer Stiefel.
Schon das Unwort Krimi weist (im Gegensatz zum klassischen Begriff des Kriminalromans) auf den trivialen, weniger der Kunst als vielmehr den Verkaufszahlen verpflichteten Charakter dieses Genrestempels hin. Und leider ebenso auf den Charakter vieler Texte, die ihn tragen: Es sind keine Werke, sondern Fabrikate, und sie werden nicht von Schriftstellern geschrieben, sondern von Autoren. Als Füllmaterial für den hungrigen Magen des Markts sind sie wie Fast Food: lieblos zubereitet, lau serviert und niemals sättigend. Beilage ist der unsägliche Regionalkrimi, zumeist in Anthologien gegossen wie eine Portion Pommes Frites auf einen Pappteller: »Blutiges St. Pölten«, »Tatort Gramatneusiedl«, »Mord in Pfaffenhofen«, »Soko Perchtoldsdorf« Ihnen haftet – wie auch vielen anderen Krimis – der Geruch des Pornos an. Beim Porno muss geschnakselt und beim Krimi muss gemordet werden. Die Geschichte, die die angestrebten Szenen aneinanderreiht, bleibt nebensächlich, sie ist billig wie ein Bindfaden, an dem Glasperlen hängen.
Dass sich viele Krimis mit aktuellen gesellschaftlichen und politischen Problemen auseinandersetzen, ist ein Feigenblatt, das ihre Nacktheit weniger verhüllt als unterstreicht. Der gute Wille zählt hier sicher nicht als Werk. Im Gegenteil: Wenn der Chef einer grausamen stoppelbärtigen Schlepperbande, der von Hunger und Krieg gezeichnete Flüchtlingsmädchen als Prostituierte verkauft, nachdem er sie als Drogenkuriere missbraucht hat, und der mit seinen durch Glücksspiel und Waffengeschäfte vervielfachten Einnahmen den internationalen Terrorismus unterstützt , wenn dieser Chef also von einem schrulligen Ermittlerduo hinter Schloss und Riegel gebracht wird, kann man sich als Leser oder Leserin beruhigt zurücklehnen. Der kleine Mann, so weiß man dann, ist als Gesetzeshüter nicht so machtlos, wie er sich zuweilen fühlt, und auch die kleine Frau kann sich mit ihrer Dienstmarke Gehör verschaffen. Letztlich siegt ja doch das Gute, und als Durchschnittsbürger muss man keinen Finger dafür rühren
Bei MacDonalds kann man keine Haute Cuisine, im Penny-Markt keine Designerschuhe und im Krimi-Buchregal nur selten Kriminalromane finden, die sich diesen Titel auch verdient haben.
Bedeutet das nun aber, dass es jeder literarischen Beschreibung des Verbrechens a priori an Niveau, an künstlerischer Reife mangelt? Und dass folglich Schriftsteller, die ernst genommen werden wollen, das Thema Kriminalität nach Möglichkeit umschiffen müssen?
Friedrich Schiller, Fjodor Dostojewski, Friedrich Dürrenmatt, Umberto Eco, Heinrich Steinfest und noch unzählige andere: Waren beziehungsweise sind sie also wirklich nur Krimiautoren? Und was ist mit dem meistverkauften Buch der Welt, diesem kanaanitischen Regionalkrimi, in dem am laufenden Band gemordet, gefoltert und vergewaltigt wird? Was ist mit der Bibel? War Gott der erste Krimiautor?

Ich bin der Stefan, und ich bin Schriftsteller.
Ich weiß, ich sollte mich mit der Bezeichnung begnügen, die der Markt mir auf die Stirn gebrannt hat. Krimiautor. Ja, ich weiß es, und nicht wenige Literaturkritiker wissen es auch. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Kulturredaktion des »Standard«. Hier wurde ich sogar einmal erwähnt. Nämlich 2010, als der von mir sehr geschätzte Paulus Hochgatterer für den erstmals ausgelobten Leo-Perutz-Preis nominiert war. Paulus Hochgatterer ist – warum auch immer – nicht als Krimiautor gebrandmarkt, und so hat der »Standard« über diese Nominierung berichtet. Weil nun aber einer der vier anderen Nominierten ich war, fand eben auch mein Name Erwähnung.
Kurz danach wurde der Preis verliehen. An mich. Im »Standard« brach betretenes Schweigen aus. Zur Preisvergabe selbst wurde kein einziges Wort geschrieben.

Klinge ich beleidigt? Vielleicht bin ich das ja auch. Aber bei meinem Eintreffen wurde mir versichert, dass ich mich hier im geschützten Rahmen äußern darf. Ich bin jetzt schon ein alter Sack und sollte mich mit dem mir zugewiesenen Platz begnügen. Kinderbuch- und Krimiautor.

Ich bin der Stefan, und ich bin Schriftsteller.
Danke, dass Sie mir zugehört haben.


Text: © Stefan Slupetzky