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Wege zum Hörspiel

Blog, 28. Februar 2021
Aus Anlass des Hör! Spiel! Festivals 2021 schreiben Autor*innen und Regisseur*innen über ihre Wege zum Hörspiel und über mediale Charakteristika der Kunstform.
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Wege zum Hörspiel

Blog, 28. Februar 2021
Aus Anlass des Hör! Spiel! Festivals 2021 schreiben Autor*innen und Regisseur*innen über ihre Wege zum Hörspiel und über mediale Charakteristika der Kunstform.


Renate Pittroff

Der Atem, die Stille und der Herzschlag

Im Hörspiel ist der Atem das, was den Hörenden mit dem Sprechenden verbindet, ihre gemeinsame Referenz.
Diese Gemeinsamkeit lässt sie einen imaginären Raum teilen, imaginär, da sie zugleich anwesend und abwesend sind. Sie begegnen sich in einer an sich unmöglichen Kommunikationssituation: Der anwesende Körper des Hörenden hier, der an- und zugleich abwesende Körper der aufgezeichneten Stimme dort.
Der Atem als das Gemeinsame und sofort auch als Trennlinie zu denen, die diesem Atemrhythmus nicht folgen.

Zuerst ist die Stille: immer aus dem Nichts entsteht, was man hört, die Klangflächen, Wortfetzen, Sätze – die Stille ist Voraussetzung dafür, dass sich das Geflecht des Hörspiels entwickeln kann. Aus ihr bricht es hervor, in sie verschwindet es wieder. Es wird gehört und ist dann entschwunden.

Hörspiel ist Wort, Klang, Geräusch, in erster Linie aber ist es Rhythmus. Und damit rückt es in die Nähe zur Musik.
Rhythmus ist auf den Herzschlag bezogen und wird fühlbar in der Abweichung von ihm. Rhythmus ist die Abfolge von akustischem Ereignis und Pause. Sinn entsteht aus der Asymmetrie von beiden: Pause ist absolut, akustisches Ereignis ist relativ, es kann sich in eine potenziell unendliche Bandbreite von Material entfalten. Zwischen schnell und langsam, zwischen laut und leise, zwischen sanft und heftig, zwischen gebunden und frei.




Lucas Cejpek


Ich habe Theater zuerst im Radio gehört, Das große Welttheater in einem Küchenradio, und das Küchenradio ist für mich das Maß aller Dinge geblieben, das Hörspiel als Begleitmusik zu ganz alltäglichen Dingen, keine Tonspur zu einem imaginären Film, sondern die Begegnung von Stimmen und Klängen, die einen Raum eröffnen, der gegenwärtig ist, ein Weltempfänger, in dem sich fremde Sprachen und Geräusche zu einem traumhaften Rauschen vermischen.




Magda Woitzuck


Das Fehlen der Bildebene – das fasst all die Dinge am besten zusammen, die ich am Hörspiel so mag. Denn ohne die Bildebene sind meiner Fantasie keine Grenzen gesetzt, muss ich auf keinen Raum verzichten und kann sogar noch welche dazuerfinden. Im Hörspiel geht alles. Es kann in der Antarktis spielen, an einem Strand oder in einem Pappkarton. Die Protagonisten können Könige sein, Wolken oder Mäuse. Ich kann einen Berg erzählen lassen. Ich kann ihm eine Stimme geben, die direkt zu jemandem spricht und berichtet, wie in seiner Jugend Dinosaurier über die Erde wandelten, dass sie dabei ganz leise waren, weil sie sanft auftraten. Vielleicht entschließt sich die Regie dazu, diesen Nicht-Klang von Dinosaurierschritten akustisch umzusetzen. Das ist übrigens auch etwas, dass ich sehr am Hörspiel mag: dass es zwar von meinem Schreibtisch in die Welt aufbricht, aber die SchauspielerInnen, die TechnikerInnen, die RegisseurInnen ihm seine Form geben, etwas Eigenes hinzufügen und so etwas Neues aus dem Text machen.
Das Fehlen der Bildebene bedeutet, alles sehen zu können. Oder: das Eigene sehen zu können. Sich selbst eine Welt zu erschaffen. Es sind ja nicht nur unsere Augen, die uns die Welt abbilden, es sind vor allem unsere Ohren. Wer einmal nach der Stille gehört hat, weiß, dass es keine Stille gibt. Wind, Babyschreien, Wolfsgeheul, ein heiseres Flüstern, das Kreischen der Straßenbahnschienen, all das schöpft in uns Bilder. Dieses Bilderschöpfen über und mit dem Klang der Welt, über und mit ihren vielen Stimmen – das gefällt mir am Hörspiel am besten.



Michael Hammerschmid

Statt eines Titels das Hörspiel=Gedicht:


hörspiel

in die ohren schweigen
aus den ohren schreiben
aus den ohren schreien
in der stille särge
aus der stille berge
in den bergen klänge
herzklopfen herzklopfen
aus.

Diese Zeilen sind auf Anfrage der Hör! Spiel! Festival-Kuratorin Annalena Stabauer, etwas über das Hörspiel zu schreiben, entstanden und dienen mir nun als Ausgangspunkt, Anfangsnukleus, mir über das Hörspiel Gedanken zu machen. Obiges Gedicht stellt mein kürzestes Hörspiel dar. Es ist an und für sich egal, wie lange ein Hörspiel ist. In diesem Fall ähnelt es einem Gedicht. Man könnte es unter Umständen mit einem solchen verwechseln. In ihm also gar nicht das Hörspiel erkennen. Keine Figuren, keine Stimmen, nicht die Länge, die ihm meist verordnet wird (rund 40-50 Minuten). Und gerade das charakterisiert es für mich, das Hörspiel. Es entwickelt seine eigene Form, ist formfrei und unerwartet. Wie das Schreiben selbst. Unerwartet auch die Anfrage, die Anstoßfrage, und hier steht es als Stein des Anstoßes, des eigenen nicht zuletzt, auf dass die Gedanken und Bilder sich entwickeln. In die »ohren« schweigt es. Es macht – wie das Gedicht – die Stille hörbar. Setzt sich damit von den Talk-Sendungen ab, die es umgeben. Auch seine Musik ist eine andere. In meinem Fall, in meiner Vorstellung, ist es die Musik der Sprache, die es spricht, die aus der Stille kommt. Die Ohren müssen schweigen lernen, im Hörspiel. Sie mögen das Schweigen abstrahlen. Dann werden die Worte, die Klänge, anders gehört werden. Ohne schweigende Ohren, kein Hörspiel. Ohne Ohren keins. Die Schönheit der Ohren ergibt sich aus ihrer Fähigkeit zu schweigen. Ach was Mund. Das ist keine Frage des Hörspiels übrigens, nicht für mich. »aus den ohren schreiben«. Dann kann auch das Hörspiel entstehen. Indem die Ohren zu sprechen beginnen. In meinem Fall ist es das Schreiben. Obwohl mir die O-Ton-Ästhetik wichtig ist. Ich höchsten Respekt für die O-Ton-Geschichte, beispielsweise eines Paul Wühr, habe. Bitte sehen Sie nach, holen Sie sich ein Gedicht von Paul Wühr, ein Hörspiel von ihm. Am besten besorgen Sie es sich heute. Das Hörspiel nämlich soll bewegen, zur Bewegung Anlass geben. Stehen Sie auf, und glauben Sie nicht, dass es Sie in Ruhe lässt. Das Hörspiel lässt niemanden in Ruhe. Es kommt - oft - ungebeten, zu Gast. Denn das Ohr, hinlänglich bekannt dies, hat keine Türen. Umso viel zarter müssen wir mit ihnen umgehen, um nicht invasiv zu sein. Das der Hintergrund, die Geschichte des Radios, als Propaganda-Apparat. Man hat den Menschen Nationalsozialismus (ach was Sozialismus) über das Radio eingetrichtert, eingehämmert. Das ist der Horizont des Hörspiels, sein Nie-Wieder. Allergrößte Vor-Sicht ist den Hörspiel-Macher*innen geboten, denn: Das Hörspiel ist ein Massenmedium und hat seine Macht, trägt seine Insignien, zumindest einen Teil davon, auch wenn es zunehmend in die kleinen Sendeplätze gedrängt wird, damit es nicht störe. Das Hörspiel aber muss stören, um sich selbst in die Ohren schauen zu können. Keine andere Aufgabe bekommt ihm so gut, als die Vorstellungen von dem, was es sei, und dem, was ist, zu verstören. Es ist, ganz in der Tradition Brechts, wie jedes Medium, eine Veränderungsapparatur, künstlich, ein Verfremdungsprozess. Es ist sich fremd wie die eigene Stimme, die man im Radio (aufgenommen) hört. Dort ansetzen, es sich nicht bequem machen. Um, dritter Vers, dritter Akt: »aus den ohren schreien« zu können. Denn so leise und nuanciert es zu sein hat, das Radio und das Hörspiel, so laut muss es werden können. Um nicht klein beizugeben. Deshalb auch mein Interesse für die »Einstürzenden Neubauten« und das Hörspiel »Hamletmaschine« von Heiner Müller. »in der stille särge«. Das heißt auch, der Tod spricht mit. Das hat ein gewisses Pathos, eben in diesem Moment kommt es von Heiner Müller her. Er affirmiert das Pathos bis zu seiner eigenen Unkenntlichkeit, er geht es an, arbeitet es an. Also Affirmation nicht im banalen Sinne, sondern im Sinne des Ausprobierens, Erfahrens, an und über die Grenze Manövrierens, wo sie ein anderes werden möge. Das ist in der Kunst möglich (in der Politik übrigens ein Todesurteil der eigenen Haltung). Die Särge in der Stille sind das grausame Erbe dieses Landes. Und der in die Fremde verschobene Mord durch Abschiebung geht weiter. Der Staat, ein Leviathan. Und auch das Radio nicht schuldlos. Man selbst? »aus der stille berge«. Das ist die andere Stille, die schwer lastet auf uns, die von den Großeltern und Eltern geerbte, die Stille der Feigheit, des Unverständnisses, aber auch die Stille derer, die nicht mehr sprechen können und derer, deren Stimme ungehört bleiben soll. Aus ihr die Berge, vor denen man steht. »in den bergen klänge« heißt, ich interpretiere selbst, in ihnen, diesen Bergen, ist zu forschen, wie Novalis in der Tiefe zu suchen, auf die Klänge zu horchen, die die eigentlichen Nuancen darstellen, aus denen Geschichte und Gegenwart begreifbar, erahnbar wird. Klänge, wie sie das Hörspiel brauchen kann. An dieser Stelle bekomme ich das Herzklopfen, das für mich das Hörspiel ist. Es klopft an mich, in mir, an meine Ohren, aus meinen Ohren, in meinem Herz. Es hört nicht auf zu klopfen. Herzklopfen, der Puls des Menschen, des Hörspiels mithin auch. Die Aufregung, Erregung, das Leben. aus.

Zum Hörspiel anhand eines Hörspiels=Gedichts, Wien, 1. Februar 2021




Elisabeth Weilenmann


Wenn ich schreibe, höre ich. Ich bin Autorin und Regisseurin – das eine geht nicht ohne das andere. Denn wenn ich einen Satz nicht hören kann – als Klang im Stück, das ich inszenieren werde, dann ist der Satz nicht gut. Und genau dort liegt meine Faszination am Hörspiel – in der Verschmelzung von Wort und Klang – in Rhythmus, in Musik. Das Hörspiel ist die Kunstform, in der ich meine Gefühle am besten oder vielleicht am leichtesten ausdrücken kann. Und so schreibe ich lieber ein Stück als irgendeine Rede, laufe herum und sammle Klänge und freue mich wie ein kleines Kind, wenn die ersten Minuten eines neuen Hörspiels grob angelegt sind und ich mich fügen kann – dem Fluss, dem Strom, dem Rhythmus. Denn es gibt nichts Beängstigenderes und zugleich Aufregenderes als den Anfang.

Aus: Peschina, Helmut (Hg.): Hör!Spiel: Stimmen aus dem Studio (= Maske und Kothurn. Internationale Beiträge zur Theater-, Film- und Medienwissenschaft 58/3 [2012]), S. 103.




Helmut Peschina


Das Drehen des Knopfes am Grundig-Apparat, das Michanblinzeln des magischen Auges (der Abstimmanzeigeröhre) in der unteren Mitte der Mattscheibe, auf der die Skalen zu sehen waren; so lange gedreht der Knopf, bis das magische Auge nicht mehr blinzelte, das Gerät auf die Sendefrequenz eingestellt war, und klare Töne die undefinierbaren Kratzgeräusche ablösten, um mich aus der engen Wohnung in andere Welten zu führen, in die der phantastischen »Hörbühne«.
Über die Jahre entwickelte und verfeinerte sich die Radiotechnik und mit ihr die Radiokunst.
Aus der Hörbühne wurden Hörspiele, Hörstücke und Features, was meine Lust am Hören vermehrte, zu der sich dann die Lust am Schreiben für dieses Medium gesellte.




Friedrich Hahn

Für Ohren, die sehen.


Ein Gedicht ist für mich nicht nur ein Gedicht. Meine Texte wollen manchmal auch gern ein Foto sein. Eine kurze Prosa. Oder etwas Gemaltes. Eine Collage. Ein Schrei. Ein Echo. Ich habe mich als Schrift- und Bildsteller schon immer gerne zwischen allen Disziplinen bewegt.
Ich war 16, als ich meine ersten visuellen Gedichte verfasste, ohne zu wissen, dass es so etwas wie konkrete Poesie gab. In der Buchhandlung Herrmann in der Grünangergasse entdeckte ich die Hefte von Heimrad Bäckers Neuen Texten. Ich schickte eine kleine Auswahl meiner Arbeiten. Und sie wurden gedruckt. Ja, ich wurde bald auch Mitglied der Gruppe Neue Texte und sogar Redaktionsmitglied. Eins gab das andere. Und 1979 erschien mein erstes Buch in Vintilă Ivănceanus Rhombus-Verlag.
Als Vintilă Ivănceanu mich nach einer Lesung – es war übrigens die erste Doppellesung in der Alten Schmiede und auch überhaupt meine allererste Lesung in der Alten Schmiede (19.9.1980), Hubert Fabian Kulterer mein Co damals an diesem Abend – fragte, ob ich nicht schon einmal daran gedacht hätte, ein Hörspiel zu schreiben, sollte ich bald darauf eine neue literarische Welt für mich entdecken. Ivănceanu arrangierte einen Termin bei Hans Rochelt vom Studio Burgenland. Gemeinsam fuhren wir in die Argentinierstraße. Anfang der 80er-Jahre war das Studio Burgenland gegenüber vom Funkhaus auf einem leerstehenden Grundstück in Baracken untergebracht. Ja, ich solle mal Vorschläge machen. Hans Rochelt lud mich in seiner ruhigen, sympathischen Art ein, mir etwas zu überlegen. Das ließ ich mir natürlich nicht zweimal sagen. Ich schrieb einen Text für zwei Frauenstimmen, Titel: Bei offenem Fenster. Die Aufnahme ließ man mich selbst machen. Auch die Regie. Johanna Tomek war die eine Stimme. Doris Mayer die zweite. Bei ihr in der Privatwohnung fanden dann auch die Aufnahmen statt. Natürlich »bei offenem Fenster«. Ich wollte Leben, keine Studio-Atmo. Für den zweiten Teil des 55-Minuten-Sendetermins ließ ich fünf SchauspielerInnen mit jeweils fünf vorgegebenen Sätzen im Funkhaus Aufzug fahren. Und baute aus dem Mittschnitt dieser Performance samt den spontanen Antworten und den Kommentaren der unbeteiligten Mitfahrenden ein Stück Concept Art. Am 24. September 1982, an einem Freitag um 21 Uhr saß ich gebannt vor dem Radiogerät. Meine beiden ersten Hörspielarbeiten wurden auf Ö1 ausgestrahlt. Es sollten nicht meine einzigen Arbeiten bleiben. Das Medium Hörfunk ließ mich nicht mehr los.




Andreas Jungwirth


Meine erste literarische Veröffentlichung war ein Hörspiel.
Madonnenterror.
Außer dem Produktionsteam bekommt ein Hörstück niemand zu sehen, weder auf Papier gedruckt, noch auf der Bühne im Raum in Bewegung gebracht.
Die SchauspielerInnen verleihen den Figuren einen Klangkörper.
Man kann es hören.
Nur hören.
Obwohl ich später für die Bühne schrieb und auch Gedrucktes veröffentlicht habe, blieb ich dem Hörspiel treu.
Vielleicht, weil ich bei der Wiederbegegnung mit meiner eigenen Arbeit die Augen schließen kann.

Aus: Peschina, Helmut (Hg.): Hör!Spiel: Stimmen aus dem Studio (= Maske und Kothurn. Internationale Beiträge zur Theater-, Film- und Medienwissenschaft 58/3 [2012]), S. 55.

Flyer Hör! Spiel! Festival 2021.jpg
»gehör«: (c) .aufzeichnensysteme, 2019