der hammer 71

Literatur im Herbst 2014: NØRDEN

November 2014

Finnland, Lappland, Russland und ich

Von jedem Winkel der Welt aus betrachtet liegt Finnland sehr weit im Norden. Die finnische Nordgrenze verläuft achtzig Kilometer südlich des Polarmeers. Im Westen liegt die Großmacht Schweden, im Osten die Großmacht Russland, im Norden das durch sein Öl schlagartig reich gewordene Norwegen, im Süden das winzige Estland. Irgendwie ist Finnland eine Insel, auch wenn es nur im Westen und im Süden vom Meer umgeben ist. Von der Fläche her misst Finnland zwei Mal so viel wie Deutschland, hat aber nur fünf Millionen Einwohner. Der finnische Teil Lapplands ist größer als Belgien, Holland und die Schweiz, wird aber nur von 180 000 Menschen und 200 000 Rentieren bewohnt.

Achthundert Jahre lang gehörte Finnland zu Schweden. Dann brach ein Krieg zwischen Schweden und Russland aus. Er endete 1809 mit einer Niederlage Schwedens, das nun gezwungen war, Finnland an Russland abzutreten. Damals entstand der Begriff Suomen Lappi, Finnisch-Lappland. Bis dahin wurde der Bereich, der sich nördlich des Polarkreises vom Atlantik bis zur Halbinsel Kola erstreckte, Lapinmaa genannt, Lappmark.
Gut hundert Jahre lang war Finnland autonomer Bestandteil des russischen Reiches, bis 1917 die bolschewistische Revolution Finnland die Unabhängigkeit ermöglichte. Die finnische Unabhängigkeitserklärung wurde von Lenin, Stalin und Trotzki unterschrieben. Neben der staatlichen Selbstständigkeit bescherte die bolschewistische Revolution dem Land eine Verkehrsverbindung nach Petsamo am Polarmeer. Dadurch besaßen die Finnen von 1922 bis 1944 einen eigenen Eismeerhafen, der dann im Krieg an die Sowjetunion verloren ging. Finnland ist also ein sehr junger unabhängiger Staat mit eigener finnisch-ugrischer Sprache und Kultur und einer Bevölkerung, deren Vorfahren aus dem Westen, dem Osten und dem Süden kamen. Meine Vorfahren väterlicherseits waren finnische Neusiedler, die Herkunft meiner Mutter lässt sich nicht über die Provinz Lappland hinaus zurückverfolgen. Meine Eltern bauten im Heimatdorf meiner Mutter an der Westgrenze, also in unmittelbarer Nähe zu Schweden, ein Haus und gründeten eine Familie mit sechs Kindern. Das westliche Grenzgebiet der Provinz Lappland ist kulturell wie sprachlich eine Region für sich. Unsere Muttersprache heißt Meänkieli (Tornedalfinnisch), sie wird beiderseits der Grenze gesprochen und hat einen versöhnlichen Geist. In der Sprache selbst werden Widersprüche vermieden, immer wird nach dem Einklang gesucht. Sie ist aus den alten finnischen Ansiedlungen hervorgegangen und hat als Mittlerin zwischen den Finnen und den Samen fungiert.

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Rosa Liksom

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