aus dem blog

Eine Gedichtefahrt Richtung Dichterloh, Mai 2021

Jedes Gedicht ist anders. In jedem Gedichtband ist jedes Gedicht ein neues Gedicht. Das einzelne Gedicht ist das Zentrum jedes Gedichtbands. Mit jedem Gedicht beginnt eine Welt. Die folgende kleine Serie stellt jeden Gedichtband, aus dem bei Dichterloh (4.5.–11.5.2021) gelesen wird, anhand eines Gedichtes vor.
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Dichterloh-Nachlese

Blog, 10. Februar 2021
Das Dichterloh-Festival gab im Jänner 2021 einen reichhaltigen und weit aufgefächerten Einblick in die Lyrik der Gegenwart. Beteiligt waren zwanzig Dichter*innen aus zehn Ländern. Kurator Michael Hammerschmid blickt zurück auf die Festivaltage.
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dichterloh 4.–11. Mai 2021

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»aber jetzt / war jetzt / wird jetzt« (Herbert J. Wimmer)

Blog, 26. April 2021
Eine Gedichtefahrt Richtung Dichterloh, Mai 2021

Jedes Gedicht ist anders. In jedem Gedichtband ist jedes Gedicht ein neues Gedicht. Das einzelne Gedicht ist das Zentrum jedes Gedichtbands. Mit jedem Gedicht beginnt eine Welt. Die folgende kleine Serie stellt jeden Gedichtband, aus dem bei Dichterloh (4.5.–11.5.2021) gelesen wird, anhand eines Gedichtes vor.
Von Michael Hammerschmid


Mila Haugovà:

Wenn ein Tier in einem auftaucht, ist die Aufmerksamkeit »Alarm«. Was macht es mit einem? Woher nimmt es seine Selbstverständlichkeit? Mila Haugová spürt ihm in folgendem Gedicht im Inneren, nämlich im eigenen Körper, nach, wo der Raum »Zwischen zwei Leeren«, so der Gedichtbandtitel, neu geschrieben und zu ungewohnter Wahrnehmung aufgeschlossen wird:

Alarm:
innen drin ist ein Tier
streckt sich zu allen vier Seiten
die seidigen Nüstern berühren das Herz
es atmet in dir und du mit ihm
verbeißt sich: streichelt
den Körper diese anderen in dir
du übernimmst seine Sehnsucht:
durch die Kehle gestürzte Selbstlaute

Tage und Abgrund geschichtet
im Wechsel der Richtplatz
Armaturen Licht (mit zwei Leerzeichen, oder?)
eine große weiße kahle Wand


Aus: Mila Haugová: »Zwischen zwei Leeren«. Aus dem Slowakischen von Anja Utler und der Autorin. Wien: Edition Korrespondenzen 2020

Roberta Dapunt:

Eine existenzielle Beschwörung vor dem Nichts, der Dumpfheit, Bequemlichkeit, ein Hilferuf an den eigenen Willen, ein Gesang gegen das Vergessen. Er ist »Uma« (›Mutter‹ auf Ladinisch) gewidmet, deren Demenz den dunklen und magnetischen Mittelpunkt der poetischen Recherche von Roberta Dapunts »die krankheit wunder/le beatitudini della malattia« bildet.

oratio de mente

Schirme mich vor dem vergessen, schirme mich vor dem nicht wissen,
dem nicht gehört, gelauscht, gesehen, geschaut haben.
Begünstige in mir das denken, niemals sei es verletzt.
Es dürfe der raum den ich drinnen habe im kopf unzufrieden sein,
weil viel zu leer noch am allerletzten tag.

Schirme mich vor finsteren kammern, strenger ordnung im erinnern,
nichts verlasse diese meine wände, alles brech in mich ein.
Es seien die augen und ohren schwelle zwischen mir und dem außen,
es bleiben die unglücklichen fragen und die antworten.
Der wille sei mir banner.

Bewahre mich vor dem nichts, verteidige mich vor dem nicht sein,
besser das sterben. Besser das sterben.



orazione della mente

Proteggimi dal dimenaticare, proteggimi dal non sapere,
dal non aver sentito, ascoltato, visto, guardato.
Favorisci in me il pensiero, non sia mai ferito.
Possa lo spazio che ho dentro la testa essere scontento,
perché troppo vuoto anche nellultimo giorno.

Preteggimi dalle camere buie, dallordine perfetto nelle mente,
niente passi oltre queste mie pareti, tutto mirrompa.
Siano gli occhi e le orecchie il varco tra me e lesterno,
rimangano le infelici domande e le risposte.
La volontà mi sia stendardo.

Riparami dal nulla, difendimi dal non essere,
meglio la morte. Meglio la morte.

Aus: Roberta Dapunt: »die krankheit wunder / le beatitudini della malattia«. Gedichte Deutsch / Italienisch. Aus dem Italienischen von der Übersetzer*innengruppe Versatorium. Wien, Bozen: Folio Verlag, 2020


Margret Kreidl:

Akrostichon, von altgriechisch ákros, ›Spitze‹, und stíchos ›Vers‹, ›Zeile‹: Man kann die Buchstaben der ersten Worte jedes Verses zusammen lesen und es entsteht so ein Wort. In allen Gedichten in Margret Kreidls Gedichtband »Schlüssel zum Offenen«  wird so das Wort »Gedicht« lesbar. Wie ein Schlüssel - zum Offenen. Und es funkeln und schmunzeln darin die Worte und Dinge und Gegebenheiten. Im folgenden Gedicht beispielsweise auch eine »Hermes Baby«, in Assoziation zu Friederike Mayröckers legendärer Schreibmaschine.

Gedichte aus dem Ärmel schütteln,
ein leichtes Zurückzittern, keine Angst,
das ist eine Gedächtnisübung, List, ja,
ich habe eine Schwalbe gefaltet und die
Chimäre hat eine Hermes Baby geboren,
herzliebe Fritzi, es klingelt, ein Riß,
Tipp-Ex leuchtet auf deinen Fetzchen.


Aus: Margret Kreidl: »Schlüssel zum Offenen«. Gedichte. Wien: Edition Korrespondenzen, 2021

Leta Semadeni:

Sprache kann Bilder machen. Wenn die »Giarsuner Lilli« aus Leta Semadenis Rätoromanisch-Deutschem Gedichtband »Tulpen. Tulipanas« ihre Augen ausstreut, geschieht das auf buchstäblich körperliche Weise. Ein Staunenmachen beginnt, und die Frage bleibt und blüht: Wer ist diese Lilli?

Giarsuner Lilli

Nachts
verlässt Lilli
das Haus und
streut ihre Augen aus
über die Strasse

Auf den Gleisen steht
eine Kuh
Und droben:
Der Mond
Der Mond
rempelt den Bären an
geht auf und
heraus fällt
der Astronaut
purzelt zwischen
Lillie und die Kuh

Der Mond
Ah, der Mond


Aus: Leta Semadeni: »Tulpen/Tulipanas«. Mit Illustrationen von Madlaina Janett und einem Nachwort von Rico Valär. SJW Schweizerisches Jugendschriftenwerk 2019

Peter Enzinger:


»frühe feuer«: 33 Gedichte von Peter Enzinger, 33 Zeichnungen von Georg Bernsteiner in unterschiedlichen Gruppierungen. Peter Enzinger setzt auf die Eigenkraft der Worte und ihren Umraum. Die Gedichte sind komponiert und lassen, schaffen große Freiräume; so assoziieren die Worte, Zeichen, Seme und funken, schlagen Funken, atmosphärisch:

noch trinkt der morgen
von der nacht
und weiß nichts
vom tanz um das feuer
was singt die straße
gelbe äpfel las ich auf
ein klitzekleiner vogel
malte flammen
aus schatten
mit seinem gefieder
in den frühen schnee


Aus: Georg Bernsteiner, Peter Enzinger: »frühe feuer«. 33 Gedichte & 33 Zeichnungen. Klever-Verlag 2020

Ursula Krechel:

In welchen Raum kommt man hier? Schon der Titel stellt eine Frage. Und das Gedicht  setzt mit einem Denkenden ein, der zu spät kommt. Ist es ein glückendes, ein glückliches Denken? Aber es heißt »Glücksempfinden dichtet den Raum ab«. Und »huschender Schatten« streift den »Schädel, besser Hirn ohne Schädel«. Keine unbedingt angenehme Vorstellung, aber eine erhellende: Das Gedicht, in Ursula Krechels »beileibe und zumute« verschränkt, schaut genau, und denkt. 

Gibt es einen Einwand, der vergessen worden ist?

Der Denkende kommt zu spät, wenn er sagt: Ich denke
dachte ich, oder das Denken hat ihm einen Streich gespielt

den er schlecht pariert, hoffnungslose Rückständigkeit
der Sinne, die Kunstgenuss ermöglichen, Glücksempfinden

dichtet den Raum ab, Wände, die haushoch überlegen
Baumgruppen, Gräben, Dornengestrüpp, Zischelwind –

Bist du allein? Jähes Schweigen, das wie eine Sprache ist
die er nicht hört. Zöglingsfrage, huschender Schatten

der den Schädel streift, besser: Hirn ohne Schädel. War
das ein Machen oder etwas Liegengebliebenes, aufgehoben

von wem (und sorgsam verwahrt)? Erinnerungsverlängerung
Dialektik des Aufhebens: Etwas existiert, wo es nicht war.


Aus: Ursula Krechel: »beileibe und zumute«. Salzburg / Wien: Jung & Jung 2021

Julian Schutting:


Im Hintergrund der Gedichte von Julian Schuttings »Winterreise« ›reiten‹ die Gedichte anderer, aus der großen Geschichte der Lyrik, zuweilen bis mitten ins und durchs Gedicht. Sie werden, in einem ganz eigenen Ton weitergeschrieben, anders geschrieben, mit eigner Stimme, und wenden sich meist ins Intime, Überraschende, Existenzelle von Liebe und Tod: 

XXIII


Wintereis

Im Winter in einer Reisekutsche zu reisen,
an deren schlecht gedichteten Fensterscheiben
winterweiß angeeister Atemhauch statt Edelweiß
Eisblumen und Verspottungen tropischer Palmen
hervorbringt, worauf einem danach im Freien
Erfrierungen blühen, vollaufgeblüht schwarz
und juckend, auf daß man, solange man
daran reibt oder kratzt, nicht erfriert?

Im Winter auf zugefroren eingeeisten Seen
auf Glatterem als Wüstenstein dahinzuschlittern,
bis die messerscharf geschliffenen Schlitt-
schuhkufen das Eis aufschneiden und einen
die zersplitterten Eismassen ungeniert
ins schwarze Wasser reißen?

Da reit ich doch gleich als ein Rappen-
oder Schimmelreiter auf dem glatten Boden
des Bodensees so weit hinaus,
bis die Glücksbringer Hufeisen
mit stramm auftrumpfenden Fehltritten
ein wieherndes Untertauchen des Rosses
zustandebringen!


Aus: Julian Schutting: »Winterreise«. Gedichte. Mit einem Nachwort von Gerhard Zeilinger. Salzburg: Otto Müller 2021

Nadja Küchenmeister:

Ist es eine Parabel? Eine Parabel über den Lauf von Beziehungen, ihre innere Logik? Oder ist es eine Erzählung? Nein, es ist ein Gedicht. Und hört auf den Ton seiner Silben, es kreist um sich und aus sich hinaus und nimmt wachsam auf, geht dabei vom Alltag aus, von seiner Fremdheit und Intimität, und singt oder vielleicht besser summt sein Lied und seine eigne Wahrheit.

es beginnt, wo es endet

es beginnt immer hier, im frühjahr, in der warmen luft
es beginnt mit einem atemzug, und so endet es
es beginnt mit einer hand, die um einen schlüssel wächst
es beginnt mit einem schlüssel, und es endet ohne tür.

es beginnt, wo es endet, es beginnt im flur, an einer viel
befahrenen kreuzung nimmst du die erste ausfahrt rechts
wiewohl du keine kreuzung und keine ausfahrt kennst
nicht weißt, dass alles endet und nicht noch einmal beginnt.

im flur, wo alle fluchten enden, gehst du hin zu dir
wo der tag dich wärmt, wo die nacht dich kühlt
deine hand ein schlüssel, dein auge ein see. hier
bleibst du, bist du wieder gehst, und es endet ohne tür.


Aus: Nadja Küchenmeister: »Im Glasberg« © Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt am Main 2020

Volha Hapeyeva:

Im »Mutantengarten« der belarussischen Dichterin Volha Hapeyeva begegnet man der Melancholie, dem Körper, dem Gedanken, die sich in leichten sprachlichen Gefügen zeigen. Frische Beobachtung, hellwache Wahrnehmung und eine Art tiefer Traum verquicken sich in ihnen miteinander. 

wenn man zu lange auf dem herzen sitzt
wird es steif wie ein bein oder ein arm
nach schlaf in unbequemer pose

schwerelosigkeit
hebt dich auf – du fliegst in den raum
bis es zeit ist zu landen
innerhalb fester grenzen
in einem konkreten land
    einer wohnung
        einem anderen körper

produktion eingestellt
für fallschirme des vertrauens
sie selbst herzustellen – keine lust keine zeit
vielleicht hört der raum eines tages auf
und ich stoße an seine decke


Aus: Volha Hapeyeva: »Mutantengarten«. Gedichte, aus dem Belarussischen übersetzt von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf. Mit 15 Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Tannhäuser 2020

Herbert J. Wimmer:

Wenig genügt Herbert Wimmer in seinem Gedichtband »Schon Zeit«, um die Sprache ins Denken zu bringen, sie locker auszustreuen, ihr zuzuhören, sie anzuschauen und plastisch wahrnehmbar zu machen. Sie werden in Variationen und Permutationen und weiteren, ungewöhnlichen Gedichtformen und -formungen in Bewegung versetzt, die einen immer aufs Neue staunen lassen:

noch ein jetzt
jetzt
ist nicht die zukunft
jetzt
ist nicht die vergangenheit jetzt
ist nicht die gegenwart jetzt
ist nicht mehr jetzt
aber jetzt
war jetzt
wird jetzt


Aus: Herbert J. Wimmer: »schon zeit im kontinuum«. 100 Gedichte, 2009–2020. Klever Verlag 2021





Eine Empfehlung: Für die poesiegalerie führte Udo Kawasser mit Michael Hammerschmid ein Gespräch über das Lesen von Gedichten, die Vorteile von Nischen – und über Dichterloh ... zur poesiegalerie