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Markus Köhle über Sarah Anna Fernbach & Barbara Lehner

Blog, 8. Oktober 2021
Zum Abschluss von Slammer. Dichter. Weiter. - Teil 1/2

Zehn Jahre lang hat Markus Köhles Autorenprojekt Slammer.Dichter.Weiter. Brücken zwischen Lyrik und Spoken Word, zwischen Slam Poetry und österreichischer Literaturgeschichte geschlagen: Slammer*innen wurden mit Texten österreichischer Dichter*innen aus dem 20./21. Jahrhundert konfrontiert und haben darauf mit Text und Performance reagiert. Am 11. Oktober, 19.30 Uhr, lädt Markus Köhle gemeinsam mit den Slammerinnen Sarah Anna Fernbach, Barbara Lehner, Anna Hader und Janea Hansen zu einem Abschlussabend in die Alte Schmiede. Für den Blog hat er die vier Autorinnen vorab porträtiert – und um kurze Videobotschaften gebeten.


Sarah Anna Fernbach

Wenn die Slamily ein Textstrom mit Familienanschluss ist, was sie ist, dann hat sie mit Sarah Anna Fernbach in den letzten Jahren eindeutig eine Bereicherung in Form eines stillen, fröhlich quellenden, tiefen Wassers erfahren, das eine prickelnde Mischung aus Lisa Simpson und Wilhelm Busch ist. Alles, was wir alle kennen, macht Sarah Anna Fernbach zum Thema. Alles, was wir vermeintlich alle kennen und deshalb gar nicht mehr hinterfragen, macht Sarah Anna Fernbach zum Thema und seziert und analysiert es. Macht also mehr draus, als wir uns alle vorstellen können. Potenzielle Themen: Schlafen, Duschen, Schokolade.
Oder aber auch nachbarschaftliche Beziehungen und schlampiger Sprachgebrauch. Was Sarah Anna Fernbach behandelt, ist im besten Sinne erledigt. Das ist idealtypische Aufklärungsarbeit und sprachskeptisch noch dazu.
Sarah Anna Fernbach mixt Metren, lässt auf Endlossatz-Prosa-Passagen Monsterwort-Ketten folgen, setzt Wortspiel-Pointen oder Publikumsfragen kalkuliert und mit Feingefühl. Zwischendurch wird das Tempo hochgepitcht und dann wieder dramatisch verlangsamt. Sie gibt uns Leine und holt uns dann wieder ganz an sich heran. Einfach weil sies kann. Stimmarbeit heißt bei Sarah Anna Fernbach nicht nur Sprachrhythmisierung sondern mitunter auch Melodieführung. Klar, wird auch zitiert, klar werden popkulturelle Einflüsse eingearbeitet, klar kommt das im besten Sinne wie beiläufig daher und trifft daher um so mehr.
Und mit wem hat sich Sarah Anna Fernbach befasst, auf wen antwortet sie? Mit der Lockergedichtlegende, auf den Lexikonroman-und-Hypertexterfinder: Andreas Okopenko.


Sarah Anna Fernbach

Barbara Lehner

Die Weinviertlerin aus Ernstbrunn hat Poetry Slam in Wolkersdorf kennen gelernt. Sie bereichert die Slam Szene durch gesellschaftskritische, alltagsnahe Spoken Word Texte und Miniaturen über das Menschliche ohne Zeigefinger. Sie hat Russisch-Englisch-Dolmetsch studiert, als Sozialarbeiterin im Gefängnis Göllersdorf gearbeitet, Kinderbücher mit einem gewissen Herrn Stinki als Protagonisten verfasst, ist Mutter zweier erwachsener Kinder, im Bereich der Erwachsenenvertretung tätig und steht seit nunmehr vier Jahren auf Poetry Slam Bühnen in ganz Österreich. Barbara Lehner hat auf zwei Texte aus Koma und Amok von Heidi Pataki (Otto Müller Verlag, 1999) reagiert und zwar auf wendepunkt und wien zärtlich und daraus ein weinviertel zärtlich gemacht. Heidi Pataki (1940–2006) war von 1991 bis zu ihrem Tod Präsidentin der GAV (Grazer Autorinnen Autoren Versammlung), veröffentlichte 1968 bei Suhrkamp den Band Schlagzeilen, war dann als Redakteurin des Neuen Forums und u.a. auch für den ORF tätig. Sie war für ihre Streitlust und Kompetenz berühmt und berüchtigt. In ihren Gedichten montierte sie gerne Zitate von Kolleg*innen – dass sie selbst nun herbeizitiert und von Barbara Lehner rezitiert wird, hätte sie sicher gefreut. Heidi Pataki beschrieb ihre Poetik wie folgt: »Fragend falle ich der stimme des volks ins wort. was allen bekannt ist – jetzt ist es nicht mehr wiederzuerkennen« .

Barbara Lehner

Markus Köhle, *1975, Autor, Poetry-Slammer, Literaturwissenschaftler. Zuletzt erschien (u.a.): Jammern auf hohem Niveau. Ein Barhocker-Oratorium (2017); Schneller, höher und so weiter (mit Peter Clar, 2021); Zurück in die Herkunft. Ein Nabelschaulauf zu den Textquellen (2021).

Text: Markus Köhle