autor*innenprojekte

Bücher fallen nicht vom Himmel, vor allem nicht, wenn sie nicht seriell produziert, sondern thematisch und ästhetisch differenziert konzipiert werden. Arbeit an literarischen Texten braucht Zeit für eine vielseitige Durchdringung des stofflichen und sprachlichen Materials. Solch eine Durchdringung möchte die Alte Schmiede im Rahmen von Autor*innenprojekten fördern, indem sie dazu beiträgt, Voraussetzungen für künstlerische Vorhaben von Autor*innen zu schaffen: beispielsweise, indem in der Konzeptions- oder Arbeitsphase eigene Schreibprojekte mit der Konzeption von Veranstaltungen verbunden werden.

Seit 1981 werden an der Alten Schmiede so in enger Zusammenarbeit mit Autor*innen Projekte erarbeitet, die an die Notwendigkeiten schriftstellerischer Arbeit angepasst sind: Sie reichen von eintägigen Treffen zur gemeinsamen Herstellung eines Buchobjekts über mehrmonatig regelmäßig stattfindende Werkstattgespräche bis hin zu mehrjährigen ›Autor*innenlabors‹, die zu umfassenden Publikationen geführt haben. 

Etwa haben Herbert J. Wimmers Projekte zum Thema Strukturen/Erzählen in den Jahren 1993–1995 ebenso zu einer umfassenden Dokumentation in Buchform (1996) geführt wie Marie-Thérèse Kerschbaumers Projekt Arkadien/Apologie in den Jahren 2001 und 2002. Im Rahmen ihres Projektes Geschichte schreiben führt Sabine Scholl 2020-2021 Werkstattgespräche mit Autor*innen; auch hier folgt ein Buchprojekt. Manche der Projekte wurden in Ausgaben des Hammer dokumentiert.


projekte (auswahl)

seit oktober 2020

»Geschichte schreiben«

Ein Projekt von Sabine Scholl

Mit verschiedenen ästhetischen und poetologischen Zugängen zum Schreiben über historische Themen befasst sich das Projekt »Geschichte schreiben«.
Der thematische Bogen reicht von einem archäologischen Blick auf Babel über die Aushandlung von politischer Macht und Weltanschauungen zur Zeit der Gegenreformation bis zum Umgang mit Deserteuren in Österreich.

»Das Zeitalter medial inszenierter Halbwahrheiten stellt die Literatur abermals vor die Frage, ob Geschichte ein Selbstbedienungsladen ist, oder ob Autor*innen ihre Haltung zu Geschichtlichkeit deutlich machen müssen: Im Projekt Geschichte schreiben werden an mehreren Abenden Methoden der Übersetzung von Historie in Fiktion mit Autor*innen diskutiert – wie kann etwa Vergangenes aus einer schal gewordenen Gedenkkultur gelöst und mit Gegenwärtigem verknüpft werden? »Erinnerung ist nicht nur das von einem selbst Erlebte, sondern ein Mosaik aus den Abdrücken, die Texte, Bilder oder Riten über Generationen in uns hinterlassen«, schreibt Aleida Assmann – und tatsächlich bleiben viele Randgeschichten, Nebenschauplätze, Schattenfiguren zu erzählen. Das thematische Spektrum der Abende reicht von privaten Migrationsgeschichten über koloniale Impulse der Archäologie bis in den Echoraum der sozialen Medien, die zum Propagandainstrument zeitgenössischer rechter Bewegungen geworden sind.«

Sabine Scholl

Lesungen und Werkstattgespräche mit Kenah Cusanit (Babel, 2019), Inger-Maria Mahlke (Archipel, 2019), Mojca Kumerdej (Chronos erntet, 2019), Ludwig Laher (Schauplatzwunden, 2020), Hanna Sukare (Schwedenreiter, 2018), Markéta Pilátová (Mit Bat’a im Dschungel, 2020), Ivna Sajko (Familienroman, 2020).

seit februar 2021

»Begegnungen: Stichwort ...«

Ein Projekt von Lydia Mischkulnig

In dem Gemeinschaftsprojekt »Begegnungen: Stichwort …« bespricht die Autorin Lydia Mischkulnig mit der Literaturkritikerin Brigitte Schwens-Harrant und der Journalistin Christa Zöchling »Bücher, die soziopolitische Bezüge aufweisen, obwohl sie von anderen Kulturen und Zeiten erzählen. Sie werden so zu Textlupen, die Phänomene als politische Umzäumung unserer Wahrnehmung aufdecken können.«
Lydia Mischkulnig


2020/2021

»Ist das Kunst oder kann das Rap?«

Ein Projekt von Mieze Medusa

An insgesamt fünf Abenden erkundet Mieze Medusas Projekt »Ist das Kunst oder kann das Rap«? Berührungspunkte zwischen Hip-Hop und Literatur – mit Yasmin Hafedh aka Yasmo, Nora Gomringer, Sukini aka Sookee, Robert Prosser, Esra & Enes Özmen aka EsRap, Parkwaechter Harlekin und Sarah Anna Fernbach.

»Hip-Hop ist immer auch ein Spielfeld für die Verhandlung von Identität, für die Inszenierung von Gruppenzugehörigkeiten. Im Guten heißt das: Hip-Hop ist ein Ort des Empowerments und der Selbstermächtigung. Wo zeigt sich der Einfluss von Hip-Hop auf die Literatur? Plots und Figuren erzählen von einer Welt, die Hip-Hop hört. Beats pumpen durch Prosatexte. Sprachlich wird auf Rhythmus, Drive und Punchlines gesetzt.
Spoken Word ist eine idealtypische Verbindung von Lyrik mit Hip-Hop. Die Inszenierung der lyrischen Persona wird in Texten selbstverständlich mitgedacht und angelegt. Die Veranstaltungen drehen sich um Literatur, die Rap hört, und um Rap, der Bücher liest. Es geht um stereotype Inszenierung von Männlichkeit im Rap sowie um die vielfältige, quer-feministische Szene, die ihm gegenübersteht; um Hip-Hop als Musik der Arbeiterklasse, um interkulturelle Bezüge und um Ottakring als Drehschreibe von all dem.«
Mieze Medusa

oktober 2011 – september 2014, 2018 - 2021

»SLAMMER. DICHTER. WEITER. Konfrontieren. Reagieren. Rezitieren.«

Ein Projekt von Markus Köhle

»Slammer. Dichter. Weiter.« ist ein Brückenschlag von Lyrik zu Spoken Word und Slam Poetry. Poetry-Slammer*innen aus dem deutschsprachigen Raum wurden mit österreichischen Dichter*innen aus dem 20./21. Jahrhundert konfrontiert und waren aufgefordert, auf ein Gedicht ihrer Wahl in ihrer Art und Weise zu reagieren. Wie der Ursprungstext weitergeschrieben wurde – ob als Antwort, Übersetzung oder Fortsetzung – wurde den Slammer*innen überlassen.

Einen Überblick über die ersten 17 Abende (2011–2014), an denen 35 Slammer*innen aus dem deutschsprachigen Raum an diesem Projekt beteiligt waren, gibt Der Hammer 72 (November 2014).

november 2019

»Die Gegenwart des Roten Wien«

Ein Projekt von Gernot Waldner

Künstlerisch-wissenschaftliche Dialoge mit Sonja Bäumel, Christopher Burke, Ann Cotten, Walter Famler, Wolfgang Fichna, Olga Flor, Kerstin Gittinger, Wolf Harranth, Veronika Hofeneder, Mieze Medusa, Lydia Mischkulnig, Jan-Hendrik Müller, Birgit Nemec , Joachim Schätz, Werner-Michael Schwarz, Dieter Sperl, Gernot Waldner, Marie-Noëlle Yazdanpanah, Susana Zapke.

»Vor 100 Jahren begannen im Roten Wien Reformen, die Wien zu einer für alle lebenswerten Stadt machen sollten: Neben der Reformierung der Gesellschaft etwa durch demokratische Bildung, die Durchsetzung von Frauenrechten, kommunalen Wohnbau, eine sozialistische Gesundheitspolitik spielte auch Kultur eine zentrale Rolle. Mehrere Veranstaltungen gehen der Frage nach, welche Kontinuitäten und Brüche zwischen dem aktuellen Wien und dem Roten Wien der Zwischenkriegszeit bestehen: Autor*innen, Künstler*innen und Wissenschaftler*innen beschäftigen sich mit den Themen Architektur, Film, Kinder- und Jugendliteratur, Musik, Hygienepraktiken im Roten Wien, mit Logischem Empirismus sowie einem frauenpolitischen Blick auf das Rote Wien.
Dieser Programmschwerpunkt soll ein Begegnungsraum zwischen den Künsten und den Wissenschaften sein, in dem jeweils unterschiedliche Arbeits- und Ausdrucksformen künstlerischer und wissenschaftlicher Arbeit in einen produktiven Dialog treten. Statt auf den Unterschieden ihrer Arbeitsweisen soll der Fokus auf einer gemeinsamen Erkundung des Roten Wien mittels künstlerischer und wissenschaftlicher Erkenntnismethoden liegen.«

Gernot Waldner


mai 2013

»Falsch reisen – Richtig reisen«

Ein Projekt von Martin Amanshauser

Der Wiener Schriftsteller Martin Amanshauser hat in seinem Autorenprojekt »Falsch reisen – Richtig reisen« vom 16.–27. Mai 2013 in der Alten Schmiede sich und seinen Gästen die für das Reisen heutzutage paradoxe Frage gestellt: Wieso wird eine strapaziöse Tätigkeit, die einen aus dem täglichen Umfeld herausreißt und einen von Familie, Freunden und Bekannten entfernt, als derart prestigeträchtig wahrgenommen? Zum Abschluss seines Projektes veröffentlicht er im Hammer 64 einen vergleichenden Reisebericht zweier Fahrten mit der Transsibirischen Eisenbahn in den Jahren 1992 und 2005.
Einen Einblick in das Projekt gibt Der Hammer 64, Mai 2013.


september 2009

»Reflexive Prosa« und »Text des Monats«

Liesl Ujvary

Lies Ujvarys multifokale Arbeit (Poesie, Prosa, Hörspiele, Übersetzungen, Fotos, Musik, Künstliche Intelligenz, Computerkunst) hat wichtige Impulse für jüngere Kolleg*innen gesetzt – etwa mit der von ihr angeregten mehrteiligen Veranstaltungsreihe »Reflexive Prosa« im Jahr 2005. Diese hatte wesentlichen Anteil an der inhaltlichen Ausrichtung der Zeitschrift Idiome. Das über zwei Jahre geführte Internetprojekt »Text des Monats« hat allgemein verständliche Modelle zum Verständnis der literarischen Moderne des 20. und 21. Jahrhunderts formuliert.
Ein Teil dieses Projektes wurde im Hammer 27 , September 2009, wiedergegeben.

seit November 2006

»Dicht-Fest«

Ein Projekt von Christine Huber

An mehreren Abenden im Jahr stellen 6 Dichter*innen aktuelle Bücher in Kurzlesungen vor, eingeleitet von Christine Huber.