Als 1959 an der Universität Frankfurt die erste Poetikvorlesung eingerichtet wurde, hieß es in der Eröffnungsrede, die Poetikvorlesung solle sich »in freier, noch zu findender Form« entwickeln und eine »Brücke zwischen Dichtkunst und der Wissenschaft bilden«. Dem Brückenschlag zwischen Kunst und Wissenschaft gilt auch die Ernst-Jandl-Dozentur für Poetik, die 2010 vom Institut für Germanistik der Universität Wien, der Alten Schmiede und dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur ins Leben gerufen wurde: Jedes Sommersemester wird ein*e deutschsprachige*r oder internationale*r Autor*in mit der Dozentur betraut. Die dichterischen und gesellschaftspolitischen Perspektiven Ernst Jandls sind den vortragenden Gästen als mögliche Orientierungsmarken oder Anknüpfungspunkte angeboten. Die Ernst-Jandl-Dozentur für Poetik ist in eine Lehrveranstaltung am Institut für Germanistik der Universität Wien eingebettet und inkludiert eine Veranstaltung in der Alten Schmiede.

Zitat: Helmut Vierbrock: »Rede zur Einführung von Ingeborg Bachmann am 25. November 1959 bei der Inauguration der Stiftungs-Gast-Dozentur für Poetik«

2020

Michael Donhauser (Österreich)

Zwei Vorlesungen – mit Diskussion

1. Vorlesung: Zu den Dingen
2. Vorlesung: Zwei Bildbeschreibungen

2019

Michael Lentz (Österreich)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema INNEHABEN. ENÁRGEIA

1. Vorlesung: Organon der Ekphrasis. Klärung einiger Begriffe der spezifischen Beziehung von Literatur und bildender Kunst
2. Vorlesung: Ekphrastische Psychogeographie. Über die spezifische Beziehung zwischen Text und Bild im Roman Schattenfroh

2018

Peter Waterhouse (Österreich)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema IM ÜBERGANG ZU ETWAS NICHT ERKENNBAREM. Ein Studium dreier Werke von Ingeborg Bachmann, Inger Christensen und Rosmarie Waldrop

1. Vorlesung: Todesarten Todesraten
2. Vorlesung: In Klusion

2017

Valeri Scherstjanoi (Russland – Deutschland)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema ZWEI GENERATIONEN. ZWEI WELTKRIEGE. EINE AVANTGARDE. Poetologisch-autobiografische Skizzen

1. Vorlesung: Chlebnikow, Majakowski, Krutschonych, Kamenski, Carlfriedrich Claus, Ernst Jandl –
Sowjetunion, DDR

2. Vorlesung: Lautdichtung, Scribentismen

2016

Barbara Köhler (Deutschland)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium
(dokumentiert in Wespennest 171 & 172)

1. Vorlesung: SEITENVERHÄLTNISSE 1 – ANDERERSEITS (des eigenen Blicks auf die Homerische Odyssee)
2. Vorlesung: SEITENVERHÄLTNISSE 2 – EINERSEITS (des eigenen Blicks auf die Homerische Odyssee)

2015

Peter Rosei (Österreich):

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema BROWN VS. CALDER. Gedanken zur Dichtkunst  
Publikation: Brown vs. Calder. Gedanken zur Dichtkunst, Sonderzahl Verlag, 2015

2014

Elfriede Czurda (Österreich)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema SPRACHE – DENKEN – ZEICHEN

2013

Marcel Beyer (Deutschland)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema DIE UNFÄHIGKEIT ZU IMAGINIEREN (dokumentiert in Wespennest 165 & 166)

1. Vorlesung: Bildpolitik
2. Vorlesung: Wirkliches Erzählen

2012

Ferdinand Schmatz (Österreich)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema MIMESIS UND SYNÄSTHESIE. Zur Konzeption der Wirklichkeit in der Poesie  (dokumentiert in: DICHTUNG FÜR ALLE – Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik, Haymon Verlag, 2013)

1. Vorlesung: AUGGEDRÖHN OHRGESEHN BILDGETÖN – Die wuchernden Um-Ordnungen. Zur Realisation von Freiheit in der Poesie.
2. Vorlesung: BLICKT ZU MIR DER TÖNE LICHT – Dichtung im Garten der Sinne und des Gehirns. Zur Verdrehung von Sensorik und Kognition in der Poesie.

2011

Brigitte Kronauer (Deutschland)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema Mit Rücken und Gesicht zur Gesellschaft  (dokumentiert in: DICHTUNG FÜR ALLE – Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik, Haymon Verlag, 2013)

1. Vorlesung: Über Avantgardismus
2. Vorlesung: Über Politik in der Literatur

2010

Alexander Nitzberg (Deutschland/Österreich)

Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium zum Thema MNEMOSYNE und MNEMOTECHNIK  (dokumentiert in: DICHTUNG FÜR ALLE – Wiener Ernst-Jandl-Vorlesungen zur Poetik, Haymon Verlag, 2013)

programm

Montag, 14. Juni 2021

Franzobel: Norm und Abweichung

ERNST-JANDL-DOZENTUR FÜR POETIK 2021
Zwei Vorlesungen und ein Konversatorium
7./14./15.6.

19:00
Franzobel Im Hirnsaal II: Essenz und Stränge 2. Vorlesung
Thomas Eder MODERATION

Das Verhältnis von Norm und Abweichung ist in vielen historisch wie systematisch relevanten Konzeptionen als ein grundlegendes Modell der ästhetischen Verfasstheit und Wirkungsweise von literarischen Texten betrachtet worden. Ganz allgemein versteht man darunter, dass literarische Texte von sprachlichen Normen abweichen und ihr ästhetisches Potenzial aus dieser Abweichung herrührt. So verbreitet wie die Konzeption ist auch die Kritik daran, literarische Texte im Rahmen einer »Abweichungspoetik« zu lesen.

In der Semester-Vorlesung von Thomas Eder sollen pointiert ausgewählte Aspekte des Verhältnisses von »Norm und Abweichung« theoretisch beleuchtet werden, zumeist mit Blick auf darstellungsästhetische und rezeptionsästhetische Aspekte. In produktionsästhetischer Perspektive, die auf die Intention der Autor*innen fokussiert, kann der Normbruch ebenfalls als ein mehrfacher betrachtet werden. Autor*innen können mit den Gegenständen und Stoffen, die sie in ihren Texten modellieren, qua Regelbruch provozieren, z.B. indem sie gegen je in einer Epoche gültige Ideologien verstoßen. Sie können aber auch auf formaler Ebene revoltieren und etwa gegen implizite Formdogmen einer literarischen Schule bewusst verstoßen. Aber auch eine kritische Relation der Sprache von Autor*innen zu Geboten der so genannten »political correctness« soll in der Semestervorlesung aus theoretischer Hinsicht dargestellt werden.

Der Schriftsteller Franzobel wird auf die Möglichkeiten zu sprechen kommen, wie mit Stoffen/Inhalten und formal gegen Regeln in ästhetischer Hinsicht, aber auch gegen die Konventionen des literarischen Lebens und des Betriebs heute und in den letzten 30 Jahren verstoßen werden kann.
T. Eder

Ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Bundeskanzleramt/Sektion Kunst und Kultur, Institut für Germanistik der Universität Wien und der Gesellschaft zur Erforschung von Grundlagen der Literatur

Franzobel, *1967 in Vöcklabruck, arbeitete bis 1991 als bildender Künstler, seither als Autor tätig. Zuletzt (u.a.): Sarajevo 14 oder Der Urknall Europas (2017); Das Floß der Medusa. Roman (2017); Die Eroberung Amerikas. Roman (2021).

Thomas Eder, *1968, lehrt an der Universität Wien, Referatsleiter im Bundeskanzleramt. Zuletzt erschien: Die Sprachkunst Gerhard Rühms (hg. mit Paul Pechmann, 2021).