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StreitBar: Literatur & Resilienz 3/3

Blog, 2. April 2025
Die Reihe StreitBar bringt regelmäßig Autor*innen zusammen, um über Aspekte ihres literarischen Schaffens, die in ihrem Selbstverständnis und ihrer Arbeit eine wichtige Rolle einnehmen, zu sprechen. Unter dem Themenschwerpunkt »Literatur & Resilienz« kam Bettina Balàka am 2.12. mit Helwig Brunner in der Alten Schmiede sowie mit Alida Bremer am 28.11. in der Leselampe Salzburg ins Gespräch. Die im Rahmen der Veranstaltungsreihe konzipierten Texte können Sie nun im Blog nachlesen.

Helwig Brunner
Der Satz

Auf dem Nachtkästchen, eine Armlänge von Ludwigs Kopfkissen entfernt, tickt ein Wecker alter Bauart; mit Zahnrädchen, Feder, Unruh, Hemmung und Regler registriert er ohne viel Aufhebens das Vorrücken der Nachtstunden, als wäre die Zeit nicht längst in abstrakte Relativität entrückt, sondern immer noch so verständlich, ja selbstverständlich, wie sie es einmal zu sein schien. Im Halbschlaf, der die Wohltat des Schlafs erahnen lässt – etwa so, wie eine Halbwahrheit die Wahrheit andeutet und verweigert –, huscht Ludwig ein Gedanke oder Traum oder Traumgedanke durch den Kopf, der etwas Wesentliches, ja Entscheidendes aufgreifen und in die Ordnung eines einzigen Satzes heben will: eines Satzes, der die Zeit erklärt, indem er sie, wie jeder Satz, selbst einen Atemzug lang durchmisst. Ließe jener Satz sich festschreiben, er müsste erhellen, wenn nicht erleuchten; er würde Ludwig ins Leben werfen und ihn gegen das Leben wappnen.
Doch daraus wird nichts. Weder geworfen noch gewappnet fühlt Ludwig sich. Das flüchtige Neuronenflackern in seiner Großhirnrinde erinnert ihn bloß an die Kakerlake, die einmal vor Jahrzehnten irgendwo in einer Tropennacht durch seine Kurzhaarfrisur lief und in dem Moment, als er vom Kitzeln auf seiner Kopfhaut erwachte, schon hinter dem Kissen verschwand, bevor Ludwig ihr auch nur ein einziges Wort hatte nachrufen können. Wie damals bleiben auch heute die Innen- und Außenräume getrennt durch die dünne knöcherne Schädeldecke: die Sprache drinnen, die Welt draußen, beide mutmaßlich von derselben Unruh umgetrieben, einander nah und unerreichbar fern, verwandt und fremd zugleich, beide mangelhaft und ein wenig ekelhaft, mitunter scheiternd und oftmals schon gescheitert am Unsäglichen und Unsagbaren – als wäre, wie ausgerechnet einer der größten Erzähler schrieb, Stillsein das einzige Mittel zu leben. Doch ganz so kafkaesk ist es vielleicht doch nicht, denn der Glaube an unsere Sprache, meinte ein anderer großer Erzähler, sei vielleicht ein Glaube an unsere Fähigkeit, uns zu helfen. Existieren wir denn, ohne uns dieser Existenz sprachlich vergewissert zu haben – oder mehr noch, ohne sie mit den Mitteln der Sprache überhaupt erst hergestellt zu haben? Wer jenen Glauben aufgibt, der hat beinahe schon sich selbst aufgegeben.
Ludwig öffnet die Augen zu einem schmalen Spalt und beobachtet die gefältelte Horizontlinie seines Kissens: kein sechsbeiniger Besuch hier, bloß die nächtliche Zimmerluft, unlesbar wie ein geschwärztes Dokument. Gibt es, Lichtjahren vergleichbar, auch Finsternisjahre als Maß für die Strecke, welche die Dunkelheit binnen Jahresfrist zurücklegt? So weit fühlt Ludwig sich, obwohl der Morgen schon naht, vom Schlaf entfernt. Stundenlang ist er, halbwach liegend, den Grat zwischen Wachsein und Einschlafen entlanggetaumelt. Das Ticken des Weckers scheint alles in sich zu bündeln, was während dieses Taumels hätte zur Sprache kommen wollen, und schwillt jetzt infolge dieser heillosen Überfrachtung zu einem ohrenbetäubenden Lärm an, jedes einzelne Tick und Tack wie der dröhnende Knall eines zu Boden fallenden Wörterbuchs, das den gesamten Thesaurus der Weltsprachen zentnerschwer in sich versammelt. Ludwig schüttelt unwillig den Kopf, wälzt sich auf die andere Seite, presst sein Ohr gegen das Kissen, sucht nach einer bequemen Position.
Wenn der Wecker Stunden später läutet, wird jener Traumgedanke bereits verblasst sein – freilich nicht ohne zuvor seine Wirkung getan und das unbestimmte Gefühl hinterlassen zu haben, etwas habe sich, wenn auch stillschweigend und längst nicht so grandios wie erhofft, tatsächlich ein Stück weit neu geordnet. Dies wird sich, mutmaßt Ludwig, in etwa so anfühlen, als hätten, angeregt durch die nächtliche Gehirnaktivität, zwei Aminosäuren in seinem Erbgut kurzerhand die Plätze getauscht und so ein fröhliches Mutatiönchen veranstaltet. Das ist natürlich Unsinn; aber um dieses erstaunlichen Gefühls einer Neuordnung willen, das zusammen mit Ludwigs gerade noch erinnerlichem Jugendglauben an umfassende, bahnbrechende Veränderungen der Welt und des eigenen Lebens zu einem bittersüßen Zustand betörender Schönheit verschmilzt, wird Ludwig seinen ungeschrieben gebliebenen Satz gewiss nicht kampflos dem Vergessen überlassen. Gleich nach dem Morgenkaffee, vielleicht noch mit der Tasse in der Hand, wird er sich an den Schreibtisch setzen, um die Geschehnisse niederzuschreiben, sofern es sich überhaupt um solche handelt – denn was, bittesehr, wird geschehen sein, außer dass eben nichts geschehen ist?
Ja, Ludwig wird schreiben und weiterschreiben, er wird formulieren und fabulieren, dass sich die Balken biegen, obgleich es ihm, wenn er ehrlich ist, doch einigermaßen aussichtslos er-scheint, ein so gähnend leeres Behältnis, wie ein ungeschriebener Text es ist, mit der Geschichte eines namenlosen Gedankens, eines wortlosen Satzes füllen zu wollen – und so wieder einmal einen jener vermaledeiten Texte zu beginnen, die man nie zu Ende bringt, weil sie nicht einmal eine Mitte haben. Für diesmal wischt Ludwig solche Bedenken aber beiseite, wie er sie eigentlich immer beiseitewischt, denn nur das Schreiben gibt ihm die schöne Ahnung (Illusion will er sie nicht nennen), sein Leben sei tatsächlich in jener Art von Veränderung begriffen, die einen gewissen Sinn nicht von vornherein ausschließe. Schauen und weiterschauen mit den Augen des richtigen Worts, wie ein weiterer großer Erzähler es formuliert hat – so will er im Leben wie im Schreiben seine eigenen Schritte, seien es Fortschritte, Fehltritte oder die Nullsummenspiele letztlichen Stillstands, klar und ungeschönt erkennen und benennen können. Mag es Ludwig auch scheinen, dass er aus jenem schimärenhaften Traumgedanken keinen fassbaren Inhalt mit-genommen hat, so wird doch, wo ein Behältnis, ein Container ist, der passende Content in Reichweite des richtigen Worts sein, und content, das weiß man, heißt auch zufrieden. Vielleicht ist ja, Text hin oder her, ein Frieden, eine stille Zufriedenheit das Ziel des ganzen Brimboriums, das er um das Schreiben jedes Mal macht: ein Stillstand der Unruh, ein Innehalten der Zeit, die Rückkehr an einen Ausgangspunkt, der so zum Ziel wird. Denn mit der Sprache, vermutet Ludwig, lösen wir doch nur jene Probleme, die wir ohne die Sprache nicht hätten; gegen das, was stumm über uns hereinbricht, ist sie so machtlos wie wir. Die Sprache hat uns Menschen auf unser Niveau gehoben, folglich weiß sie auch um unsere Fallhöhe – darin liegen ihre Macht und ihre Ohnnmacht. Der menschliche Geist aber, hat Ludwig gelesen, gießt seine bunten vergeblichen Gesten hartnäckig in den Abgrund der Leere. Das ist es, was auch Ludwig tut, als ließe die Leere sich füllen.
Es kommt dann freilich anders, als er es sich ausgemalt hat. Ludwig wacht, anscheinend hat er nun doch ein wenig geschlafen, lange vor dem Weckerläuten auf und denkt: Es ist schon sonderbar, ein Mensch zu sein. Als Mensch erlaubt man sich die verstiegensten Abstraktionen, Umkreisungen keiner Mitte, Traumbilder einer Literatur, die so entweder niemals stattfindet oder, wenn sie es doch tut, in der Regel unverstanden bleibt. Egal, denkt Ludwig, tappt im blassen Grau, das bereits durch das Fenster hereinsickert, neben dem Wecker nach Notizbuch und Bleistift und kritzelt, ohne das Licht einzuschalten, alles Bisherige in groben Zügen nieder, brachial verkürzt zu Schlag- und Stichworten, gerade so viel, wie nötig sein wird, um später am Schreib-tisch daran weiterzuarbeiten, etwas daraus zu machen. Die Déformation professionnelle des Schriftstellers: aus allem etwas machen zu wollen, was doch bereits etwas ist. Draußen hört Ludwig den Ruf eines Waldkauzes, ein kräftig artikuliertes kewitt oder, wenn man dem Volksmund glauben möchte, kummitt – komm mit, so dachte man früher, rufe der Totenvogel. Er legt das Notizbuch beiseite, steht auf und geht zum Fenster, um vielleicht den Kauz noch im Astwerk der alten Platane zu entdecken, ehe es endgültig Tag wird. Ein wenig weich sind Ludwigs Knie nach dieser großteils durchwachten Nacht, und seine müden Augen durchdringen erst allmählich das konturlose Morgengrau. Nur ein junger Bursche ist zu sehen, der im Laufschritt die Zeitungen vor die Türen wirft. Ist nicht, denkt Ludwig, die Natur, die sich still und heimlich der Stadt einschreibt, das einzig Gesicherte, wie sie sich vor aller Sprache selbst genügt und nur von Zeit zu Zeit wie zur Vergewisserung ihres Wesens und ihrer Anwesenheit ein wildes kewitt hinausschreit? Mag sein, dass jedes Wort, das wir der Natur hinzufügen, Mutmaßung und Anmaßung ist.
Ludwig taumelt ein wenig gebeugt ins Badezimmer. »Guten Morgen, Homo sapiens, der auf-rechte Gang macht dir wohl Schwierigkeiten«, spricht er sein Spiegelbild an, das ihm bartstoppelig und mit wirrem Haar begegnet, »ganz so, als wäre die beste Halbwahrheit, zu der du fähig bist, immer noch eine halbe Lüge.« Aufrecht und aufrichtig zu sein, erscheint ihm plötzlich als dieselbe Anforderung, dieselbe Überforderung. Was er zuvor in redlicher Absicht notiert hat, ist unklar und fragmentarisch geblieben, von einer schwebenden Assoziativität wie ein vages Versprechen, das vielleicht nicht mehr als ein Versprecher ist. »Nichts von alledem ist wahr«, murmelt Ludwig ein Zitat menschlicher Ratlosigkeit und wirft sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Er bezichtigt sich des doppelten Schwindels – ihn schwindelt, solange er noch keinen Kaffee getrunken hat, und er schwindelt, weil er mangels besserer Alternativen auch heute an der zweifelhaften Gewohnheit des Schreibens festhalten wird. So schwindelt er sich durch sein Schrift-stellerleben, nicht wahr? Dann ist es auch schon lichter Morgen, Ludwig geht nicht wieder ans Fenster; denn der Kauz hat sich gewiss bereits an seinen Tagesschlafplatz zurückgezogen, einen Ort, für den er keinen Namen, von dem er aber doch instinktiv einen hinreichend deutlichen Begriff hat.
Einem Einfall folgend, nimmt Ludwig das Notizbuch nochmals zur Hand. Hätte Eva einst nicht bloß in den Apfel der Erkenntnis gebissen, schreibt er, sondern ihn mitsamt Stängel und Kerngehäuse aufgegessen (wenn schon Sündenfall, dann richtig!, fügt er in Klammern hinzu), so würden wir heute über jene luzide Wachheit verfügen, für die der menschliche Geist nach seinem eigenen Selbstverständnis eigentlich geschaffen sein sollte. So aber müssten wir, wie ein weiterer Erzähler es beschrieben hat, wohl erst aus einem und einem weiteren Traum erwachen, um endlich dort anzukommen, wo wir wirklich sind. Ludwig nickt und vermutet, tatsächlich noch nie ganz wach gewesen und nie dort gewesen zu sein, wo er wirklich ist; niemand von uns, denkt er, ist jemals vollends wach gewesen, ein Stück weit vielleicht seinem Ort angenähert im Kraftfeld einer Liebe oder einer Philosophie oder meinetwegen einer Religion, aber ganz dort? Nein, niemals. Denn würden wir uns, wenn wir alle wach und zur Stelle wären, nicht grundlegend anders verhalten? Müsste in diesem Fall nicht unser Denken und Handeln ein anderes geworden, unsere Geschichte eine andere Richtung genommen haben? Wäre dann die lange Reihe historischer Verirrungen und Versäumnisse, die uns wieder und wieder verheerend hinter den Erwartungen des Menschlichen zurückbleiben haben lassen, nicht bloß ein höllischer Albtraum unserer eigenen Unvollkommenheit gewesen, und wäre es nicht unbegreiflich, ihn so lange geträumt zu haben?
Mit routinierten Bewegungen taktet Ludwig sich allmählich ein in den neuen Tag. Er schließt die Wohnungstür auf und nimmt die Zeitung von der Fußmatte. Die Sperlinge, die hinter den Außenjalousien brüten, tschilpen munter. Auch gegenüber öffnet jemand eine Tür, um die Zeitung hereinzuholen, und winkt freundlich herüber. Die Möglichkeit zu leben beginnt im Blick des anderen, memoriert Ludwig und winkt zurück. Er macht sich endlich eine Tasse Kaffee, setzt sich an den Küchentisch und liest in der Zeitung von dem, was als reale Welt gilt. Im Schlafzimmer beginnt der Wecker zu läuten, als hätte er sich in der Stunde geirrt. So klingt der Anfang des Schreibens, der erste Satz.

(Unter Verwendung von Zitaten von Peter Handke, Michel Houellebecq, Franz Kafka, Marie Luise Kaschnitz, Christoph Ransmayr, John Updike und Martin Walser.)

Text: © Helwig Brunner