aus dem blog

Literatur braucht Zeit, sie braucht Zweifel und hat ein kompliziertes Verhältnis zu dem, was wir landläufig als ›Wahrheit‹ bezeichnen, so Norbert Gstrein in seinem Essay, der für einen Abend in der Reihe StreitBar entstanden ist: Am 23.6.2022 diskutierte der Autor über das von ihm gewählte Thema ›Politische Literatur‹ mit Jonas Lüscher in der Alten Schmiede. Norbert Gstreins Text können Sie hier nachlesen.
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PMS ist die Zeitschrift eines gleichnamigen Literaturkollektivs, das aus einem mehrmonatigen Schreibworkshop hervorgegangen ist. Geleitet wurde der Workshop von Kaśka Bryla, Autorin und Redakteurin der Literaturzeitschrift PS – Politisch Schreiben.* Die erste Ausgabe der PMS erschien 2019 in Leipzig und beinhaltet Texte von Elena S., Irina Nekrasov/a, Mascha Bujanova, Serra Nadia, T. Nguyễn und Vân Anh, die sich differenziert-wachen Auges mit postmigrantischen Erfahrungen und Perspektiven auseinandersetzen.
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Die vier Autor*innen Andrea Grill, Hanno Millesi, Barbara Rieger und Michael Stavarič haben sich von Produktionsumständen der Unterhaltungsbranche dazu anregen lassen, gemeinsam einen Roman zu verfassen. Gespräche über Plot, Figuren, Erfahrungen in der gemeinsamen Konzeption, Prozesse des Schreibens und des Überarbeitens haben einen intensiven Gesprächsprozess angeregt. Zwei Abende – am 21. Juni und am 4. Oktober – geben Einblick in das Projekt und die mitunter unterschiedlichen Standpunkte der vier Schreibenden; außerdem stellen sie dem Publikum Textauszüge aus dem bisher entstandenen Material vor. Vom Schauplatz des Romans hat Hanno Millesi eine Skizze angefertigt und dazu folgenden kurzen Text verfasst.
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Ende April widmete die Alte Schmiede der Kinder- und Jugendliteratur von Barbara Frischmuth ein dreitägiges Symposium – konzipiert in Zusammenarbeit mit Anna Babka, Peter Clar, Silvana Cimenti und Heidi Lexe. Zu den Anliegen der literarischen und literaturwissenschaftlichen Beiträge zählte, alternative Lesarten zur kategorischen Trennung von ›Kinder-‹ und ›Erwachsenenliteratur‹ zu entwickeln – eine Trennung, die Barbara Frischmuths Texte selbst vielerorts und mittels diverser literarischer Strategien unterwandern. In der aktuellen Ausgabe des Hammer hält Cornelius Hell Rückschau auf das Symposium und stellt Beiträge in Auszügen vor. Stefan Slupetzky schilderte in seinem Beitrag auf humorvolle Weise anhand der eigenen Werkbiografie, wie sich Rezeptionsverhalten und Vermarktungsstrategien dem Autor*innendasein aufprägen. Sein Text ist hier ungekürzt nachzulesen.
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Norbert Gstrein // Unsere Scham

Blog, 1. Juli 2022
Literatur braucht Zeit, sie braucht Zweifel und hat ein kompliziertes Verhältnis zu dem, was wir landläufig als ›Wahrheit‹ bezeichnen, so Norbert Gstrein in seinem Essay, der für einen Abend in der Reihe StreitBar entstanden ist: Am 23.6.2022 diskutierte der Autor über das von ihm gewählte Thema ›Politische Literatur‹ mit Jonas Lüscher in der Alten Schmiede. Norbert Gstreins Text können Sie hier nachlesen.

Immer noch glaubt eine geduldige Öffentlichkeit, in Krisenzeiten auf das Wort von Schriftstellern vertrauen zu können, obwohl es keineswegs sicher ist, dass man zu klügeren Aussagen gelangt, wenn man Schriftsteller zu Wort kommen lässt, als wenn man eine Meinungsumfrage durchführt und nach dem Zufallsprinzip blind in der Population sucht.

Der Bäcker von nebenan gibt bekannt, dass es ihm angesichts des russischen Angriffskrieges in der Ukraine sinnlos erscheint, weiterhin seine Brote zu backen, und er sich deshalb entschließt, sein Handwerk aufzugeben und lieber untätig zu sein. Er sagt nicht, dass er einen Orden dafür will, aber er sagt es unmissverständlich so, als wollte er einen. Eine Marktfrau ein Stück die Straße hinunter mahnt an, dass ihr das nicht genug sei, wenn schon Moral, dann richtige Moral, und das heißt in der höchsten Steigerungsform deutsche Moral, sie trete überhaupt aus der Menschheit aus, die nichts Besseres zu tun wisse, als sehenden Auges zuzulassen, dass ein Teil von ihr den anderen abschlachtet. Natürlich bleibt sie bei ihrem ganzen Austretenwollen eine komfortabel Eingetretene, solange sie sich nicht selbst das Leben nimmt, und weiß das in klaren Augenblicken auch.

Der Klempner am Stammtisch meint, es sei sinnlos sich gegen einen stärkeren Gegner zur Wehr zu setzen, man dürfe ihn nicht reizen, weil er dann nur noch gewalttätiger reagiere, ja, einen Grund habe, zum äußersten zu greifen und alles niederzubrennen, der Kluge wisse, wann es genug sei, und sein Kollege sekundiert ihm. Er erzählt von einer Schlägerei, bei der er beobachtet haben will, wie ein Betrunkener auf einen vor ihm auf dem Boden Liegenden eingetreten habe, und rechtfertigt sich, selbst untätig geblieben zu sein. Denn irgendwann sei ja schließlich die Polizei gekommen und habe das geregelt. Irgendwann komme immer die Polizei und regle alles, wenn man nur die Geduld habe zu warten, keine Ahnung, ob der auf dem Boden Liegende bei ihrem Eintreffen tot war oder noch am Leben.

Leute, die Bücher lesen, und Leute, die keine Bücher lesen, aber zu wissen glauben, dass man mit Büchern nie etwas falsch machen kann und mit Waffen angeblich immer alles falsch macht, erklären, es sei besser Bücher nach Russland zu schicken als Waffen in die Ukraine, und halten sich darob für große Denker und sind doch nur die ewigen Meine-Hände-in-Unschuld-Wascher. Und dann ist da doch auch noch die eine Intellektuelle, die dummerweise in die Umfrage gerät und einem ukrainischen Blogger in schönster Stellvertreterinnenmoral erklärt, was die Bild-Zeitung ist und dass man mit der Bild-Zeitung nicht gemeinsame Sache machen dürfe, selbst wenn einem jemand das Messer an den Hals setze, und er sicher nur mit der Bild-Zeitung (von der er einen Bericht weitergeleitet hat) gemeinsame Sache gemacht habe, weil er nicht wisse, was die Bild-Zeitung sei, worauf er sie nach allen Regeln der Kunst zurechtstutzt und dann auch noch blockiert.

Wahrscheinlich gibt es kaum einen schwierigeren Zeitpunkt als gerade jetzt, um über Literatur und Politik zu sprechen, weil das anhaltende, einmal stärker, einmal schwächer auftretende Gefühl seit dem 24. Februar, dem ersten Tag des Krieges, Scham ist. Es beginnt mit dem Ich-Sagen, das plötzlich so verkehrt scheint, weil es um das eigene Ich im Augenblick nicht gehen kann, und endet mit der Flucht in ein hilfloses Wir, das sich einmal so, einmal so definiert. Meinetwegen wir Schriftsteller, obwohl sich dieses Wir für mich zu jeder Zeit wie das unmöglichste Wir von allen anhört und mir die einzelnen Ich da lieber sind als die austauschbaren Namen auf traurigen Unterschriftenlisten.

Vielleicht also wir Wähler und Nicht-Wähler, die wir diese Regierungen gewählt haben, die in unserem Namen Geschäfte abschließen und, seit der Krieg begonnen hat, wie schon seit Jahren an jedem einzelnen Tag Hunderte von Millionen nach Moskau überwiesen haben und uns Treuherzige treuherzig wissen lassen, dass das Geld natürlich kein Geld für den Krieg sei. Wir Ahnungslosen, die es sich nicht haben vorstellen können oder eher doch nicht haben vorstellen wollen, weil für weniger Ahnungslose seit Jahren offen zutage gelegen ist, was sich da anbahnt und welche zunehmende Bedrohung sich da aufgebaut hat. Wir Alles-klein-Redner, wir Schweiger, wir Wird-schon-irgendwie-gutgehen-Beschwichtiger, die sich damit herausreden, dass erst die eingetretene Wirklichkeit beweist, dass das Schlimmste möglich war, das trotz wochenlang an der Grenze aufmarschierender Panzer, trotz unmissverständlicher Drohungen, trotz ähnlicher Szenarien in der Vergangenheit eigentlich gar nie möglich hätte gewesen sein dürfen. Wir Vertreter des sogenannten Westens, wir sogenannten Verteter, wir Konsumenten und Gasheizungs-Heizer, wir Urlaubsberechtigten und Dieselfahrer, die nach wenigen Kriegstagen schon über die Unzumutbarkeit der Preise an den Zapfsäulen klagen. Wir, die wir es gewöhnt sind, Mitfahrgelegenheiten zu suchen, und gern einen Blick auf das Leben haben, als wäre es tatsächlich nicht mehr als eine bequeme Mitfahrgelegenheit, wir alle haben Grund zur Scham und schämen uns entweder oder schämen uns nicht, müssen uns aber plötzlich an dem Satz des ukrainischen Präsidenten messen, er brauche keine Mitfahrgelegenheit, sondern Munition, und an den vielen anderen Sätzen, die er all die Tage gesagt hat und die in Zukunft Beispiele dafür sein können, wie klar in der Sache einer reden kann, wenn reden nicht mehr genug ist: »Ich bin hier«, mitten in Kiew, gleich in den ersten Kriegstagen.

Wir haben allen Grund zur Scham, und wir haben keinen Grund, uns darüber zu empören, wenn wir auf unsere Zögerlichkeit und Ängstlichkeit hingewiesen werden, selbst wenn es dabei manchmal härter zugeht und man den einen oder anderen brüskiert, der sich für einen Friedensapostel hält und uns in Wirklichkeit in die Chose mit hineingelabert hat, weshalb es auch gegen alle diplomatischen Gepflogenheiten seine Richtigkeit hat, wenn sie in Kiew nicht jederzeit jeden zum folgenlosen Weiterlabern empfangen. Es mag kluge Abwägung sein, aber es sieht doch häufig sehr nach einer Verschleppung des Verfahrens aus, damit wir angesichts der Gewalt, die auch uns treffen könnte, am Ende nicht wirklich Farbe bekennen müssen und uns für eine Zukunft, wenn alles vorbei ist, wieder als die ersten empfehlen, mit denen man Geschäfte machen kann. Wenn uns schon sonst keine Einschränkungen zumutbar sind, sollte uns wenigstens die Wahrheit zumutbar bleiben, aber wahrscheinlich ist es gerade sie nicht. Sonst würden wir wissen, dass dieser Krieg auch unser Krieg ist, ob wir ihn nun führen oder daran teilnehmen oder nicht, ob es uns gelingt, auf den Zaungasttribünen und Zuschauerrängen zu bleiben oder ob wir tiefer mit hineingezogen werden. Denn mit ermöglicht haben wir ihn, und natürlich ermöglichen wir ihn immer noch mit, obwohl unser Geld ja kein Geld für den Krieg ist, wie noch einmal gesagt werden muss, und wir davon ausgehen können, dass Moskau jeden Cent, den wir überweisen, in Rubel und Kopeken umrechnet und für philanthropische Zwecke verwendet, wahrscheinlich in den sibirischen Weiten Bibliotheken und Literaturhäuser baut für die Bücher, die wir dorthin schicken.

Träumer sind wir, und niemand kann von uns verlangen, dass wir ganz aufwachen, sonst würden wir vielleicht zu deutlich wahrnehmen müssen, dass die Bilder von den auf der Straße liegenden Toten in den ukrainischen Dörfern und Städten, von deren Unerträglichkeit wir immer sprechen, obwohl wir sie dann doch ganz gut ertragen, nicht nur Bilder sind und die Toten nicht nur Tote, sondern kaltblütig Ermorderte, Hingerichtete, vorher noch bestialisch Vergewaltigte. Unschuldige Zivilisten nennen wir sie, als würde es in irgendeiner Welt auch schuldige Zivilisten oder selbst Nicht-Zivilisten geben, ob schuldig oder unschuldig, denen wir einen solchen Tod zumuten wollten. Wir halten die Augen geschlossen, damit wir nicht zu viel sehen und an die jungen und nicht mehr jungen Männer erinnert werden, die im Donbass um ihr Leben und um ihre Freiheit kämpfen, weil wir sonst an unsere Scham erinnert werden.

Denn eigentlich sind sie der Auslöser dafür. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass es nichts gibt, wofür man sein Leben einzusetzen gewillt und wofür man also im äußersten Fall zu sterben bereit wäre, dass sie uns entgegentreten wie eine Erinnerung an das, was wir sein könnten, wenn Freiheit für uns mehr wäre als ein verwaschener Begriff, dessen Bedeutung nur die kennen, denen sie fehlt. Wenn gekämpft wird, lugen für uns dahinter allzu schnell andere Begriffe hervor, Abstrakta und falsche Ideale, die alles kontaminieren, »Gott« und »Vaterland«, und die Kämpfer stören das Bild, das wir gern von uns hätten, sind ein Anachronismus, eine einzige Beschämung und Obszönität in den Leben und Mitfahrgelegenheiten unserer Leben, in denen wir uns eingerichtet haben. Wir sagen, sie kämpften auch für unsere Freiheit, aber das sollten sie vielleicht besser nicht tun, wenn wir aus unserer Freiheit so wenig machen, es reicht schon ihre Freiheit, weil sie wissen, was damit gemeint ist. Wir sind wieder einmal bloß Nutznießer, und genau deshalb sind sie für uns nur eine Zeitlang zu ertragen, genau deshalb sind sie am Ende ein Skandal, weil in unserer Freiheit auf längere Sicht keine Freiheitskämpfer vorgesehen sind, und wir uns mit Fortdauer des Krieges beim Gedanken beobachten müssen, ob sie es nicht endlich gut sein lassen und sich gefälligst in ihre Unfreiheit schicken können, die in der Weltgegend, die wir in Sonntagsreden und in Stunden der Not ein wenig gönnerhaft »Mitten-in-Europa« nennen, in der Geschichte ohnehin eher die Norm als die Ausnahme war.

Die Literatur kann in diesem Augenblick gar nichts, entweder sie hat ihre Aufgabe vorher schon erfüllt, wenn sie denn überhaupt eine hat, oder sie erfüllt sie nachher wieder, mitten im Krieg ist sie hilflos, auf die aktuellen Ereignisse zu reagieren. Entweder sie liegt daneben, gerade wenn sie voll daraufzielt, oder sie prostituiert sich, indem sie wohlfeil Partei ergreift (weil es gar nicht anders geht, als Partei zu ergreifen), und verrät damit sich selbst. Sie braucht Zeit, die die Veteidiger in Kiew in Mariupol und Charkiw nicht haben, sie braucht Zweifel, die ihnen in ihrer angespannten Situation wie Luxus erscheinen müssen, sie hat ein kompliziertes Verhältnis zur Wahrheit, und sie ist gegen nichts allergischer als gegen jede Instantmoral, ja, der Raum, den sie öffnet, ist ein moralfreier Raum, der paradoxerweise genau daraus seine Moral bezieht, weshalb sie nur schwer zu ertragen ist, wenn rundum geschossen wird und Leute ums Leben kommen und es kein Vertun gibt, wer die Angreifer sind und wer die Angegriffenen. Die Literatur kann vom 22. und 23. Februar und von den Wochen und Monaten davor erzählen, als wüsste sie nicht, dass es danach den 24. Februar geben wird, oder vielmehr, als könnte alles noch ganz anders kommen oder als könnte sie die Zeit beliebig ausdehnen und verlangsamen und immer noch nicht eintreten lassen, was in Wirklichkeit längst eingetreten ist, aber Trost ist das keiner, jedenfalls jetzt nicht.

Später vielleicht, aber davon wäre auch später zu reden. Natürlich wird es ukrainische Autoren geben, Männer wie Frauen, es gibt sie schon jetzt, und natürlich wird es auch russische Autoren geben (womit ich keine falsche »Völkerverständigung« meine), die sich an die Katastrophe heranerzählen, und in jedem der Versuche wird unausgesprochen ein »Vielleicht dieses Mal« und ein »Vielleicht dieses Mal nicht« mitschwingen. Vielleicht erhalten dieses Mal die schon an der Grenze stehende Bataillone in letzter Sekunde den Befehl zur Umkehr. Vielleicht marschieren sie dieses Mal gar nicht erst auf. Vielleicht verschließen wir dieses Mal nicht jahrelang die Augen und sind nicht zu Geschäften mit einem Diktator bereit, die den Weg in den Abgrund ebnen. Vielleicht beschwichtigen wir uns dieses Mal nicht, es handle sich um russische oder allenfalls irgendwie sowjetische oder postsowjetische Angelegenheiten, für die es keine Sowjetunion braucht, solange alles weit genug weg ist und die Kanonenrohre nicht allzu deutlich auch in unsere Richtung zielen. Vielleicht dieses Mal, ja, vielleicht irgendwann später, in einem anderen Frühling. 

Text: © Norbert Gstrein

StreitBar: Norbert Gstrein, Jonas Lüscher