aus dem blog

PMS ist die Zeitschrift eines gleichnamigen Literaturkollektivs, das aus einem mehrmonatigen Schreibworkshop hervorgegangen ist. Geleitet wurde der Workshop von Kaśka Bryla, Autorin und Redakteurin der Literaturzeitschrift PS – Politisch Schreiben.* Die erste Ausgabe der PMS erschien 2019 in Leipzig und beinhaltet Texte von Elena S., Irina Nekrasov/a, Mascha Bujanova, Serra Nadia, T. Nguyễn und Vân Anh, die sich differenziert-wachen Auges mit postmigrantischen Erfahrungen und Perspektiven auseinandersetzen.
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Die vier Autor*innen Andrea Grill, Hanno Millesi, Barbara Rieger und Michael Stavarič haben sich von Produktionsumständen der Unterhaltungsbranche dazu anregen lassen, gemeinsam einen Roman zu verfassen. Gespräche über Plot, Figuren, Erfahrungen in der gemeinsamen Konzeption, Prozesse des Schreibens und des Überarbeitens haben einen intensiven Gesprächsprozess angeregt. Zwei Abende – am 21. Juni und am 4. Oktober – geben Einblick in das Projekt und die mitunter unterschiedlichen Standpunkte der vier Schreibenden; außerdem stellen sie dem Publikum Textauszüge aus dem bisher entstandenen Material vor. Vom Schauplatz des Romans hat Hanno Millesi eine Skizze angefertigt und dazu folgenden kurzen Text verfasst.
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Ende April widmete die Alte Schmiede der Kinder- und Jugendliteratur von Barbara Frischmuth ein dreitägiges Symposium – konzipiert in Zusammenarbeit mit Anna Babka, Peter Clar, Silvana Cimenti und Heidi Lexe. Zu den Anliegen der literarischen und literaturwissenschaftlichen Beiträge zählte, alternative Lesarten zur kategorischen Trennung von ›Kinder-‹ und ›Erwachsenenliteratur‹ zu entwickeln – eine Trennung, die Barbara Frischmuths Texte selbst vielerorts und mittels diverser literarischer Strategien unterwandern. In der aktuellen Ausgabe des Hammer hält Cornelius Hell Rückschau auf das Symposium und stellt Beiträge in Auszügen vor. Stefan Slupetzky schilderte in seinem Beitrag auf humorvolle Weise anhand der eigenen Werkbiografie, wie sich Rezeptionsverhalten und Vermarktungsstrategien dem Autor*innendasein aufprägen. Sein Text ist hier ungekürzt nachzulesen.
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Wie klingt Holz, das seinen Kontext zeigt und sich gleichzeitig aus diesem löst? Wie lässt sich der Naturzerstörung und den kapitalistischen Zwängen dichterisch begegnen? Was passiert mit Sprache, wenn sie den Anfechtungen von Gewalt und Krieg ausgesetzt ist und welche Stimme(n) kann sie dabei ausprägen?
Solche und ähnliche Fragen ziehen sich durch die fünf Abende des Lyrikfestivals dichterloh – in der von Kurator und Moderator Michael Hammerschmid zusammengestellten Gedichtefahrt können Sie ausgewählte Gedichte der auftretenden Dichter*innen vorab lesen.
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Zauberzauner Wortzuckerlhansjörg

Blog, 7. April 2022
Der zweite Abend von Markus Köhles Autorenprojekt Retrogranden aufgefrischt hat sich am 28.3. dem 2017 verstorbenen Autor Hansjörg Zauner und dessen literarischem Schaffen gewidmet. Christian Futscher blickte in einem sehr persönlichen Beitrag zurück auf den worteaufschlitzer und sinnzeichenschmelzer Zauner. Was das alles mit Schinken-Käse-Toast zu tun hat, können Sie jetzt im Blog nachlesen.


Zauberzauner Wortzuckerlhansjörg

gackergedanken ins freie!
wortknödelwespen!
schnatteregoisten!


(Mein Beitrag ist recht persönlich. Texte in Kursiv sind von Hansjörg Zauner.)

ich wortflocke habe zauner verschluckt
lass mich in deinem mund wenn schon keine zunge zumindest wortzuckerl sein
sofort erschießt gelächter daherpritschelzeug


Mit der flachen Hand auf den Tisch schlagen.
Die Arme vor der Brust verschränken.
Den Kopf in die Höhe recken, die Lage sondieren.

Daherpritschelzeug

*

Hansjörg Zauner kommt in einigen meiner Bücher vor. Eine Zeitlang spielte ich mit dem Gedanken, dass er in jedem meiner Bücher vorkommen sollte, aber daraus wurde nichts.

In meinem Erstling (mit der Schreibmaschine getippte Bilder, visuelle Poesie) gibt es ein Gedicht, das heißt »poesie für hansjörg zauner« und in meinem zweiten Buch steht ein Text, in dem ich einfangen wollte, was es für mich bedeutete, mit Hansjörg im Café Eiles zu sitzen. In diesem Café saß er jahrelang täglich zwischen 9 und 11 Uhr, mein Arbeitsplatz war damals ganz in der Nähe, und ich schaute zwischendurch immer wieder einmal bei Hansjörg vorbei.

Im Café Eiles

Ich sitze neben Zauner, der auf seinem Stammplatz sitzt, und summe eine Melodie von den Ramones, die mir nicht aus dem Kopf geht. Zauner, dessen neues Buch mit dem bestsellerverdächtigen Titel laermleinen vor huefte gekehlt vor kurzem erschienen ist, schildert mir lebhaft, was er demnächst kochen wird: Banane, umwickelt von Kalbsschnitzel, flambiert. Im selben Atemzug teilt er mir mit, dass Ween, eine seiner Lieblingsbands, den Auftritt in Wien schon wieder abgesagt hat.

Zauner ist ausgeschlafen und hat gefrühstückt, was ich von mir nicht behaupten kann. Zauner hat keine Freundin. Ich habe keinen Verlag. So hat jeder seine Probleme.
»Bald schon«, sage ich, »werde ich ein Buch schreiben «
»Na, habe die Ehre!«, ruft Zauner aus und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Draußen fährt die Straßenbahn vorbei und erinnert mich daran, dass ich eigentlich aufbrechen sollte. In Zauners Auge fährt ein Auto.
»Ein Auto fährt in mein Auge«, ruft er, »ich sehe das!«
»Na, habe die Ehre!«, sage ich und schlage mit der flachen Hand auf den Tisch.

Eine Frau betritt das Café, schaut sich um, kommt auf uns zu, setzt sich zwischen Zauner und mich, von ihrem Parfum wird uns ganz schwindlig, aber nicht nur vom Parfum, unsere Knie beginnen zu zittern, das Mineralwasser beginnt zu brodeln
»Schön wär’s«, sagt Zauner und lehnt sich entschlossen zurück.
»Wenn’s eine Verlegerin wär«, sage ich und beuge mich vor, um ihm näher zu sein.

Zauner verschwindet hinter der Süddeutschen.
Ich blättere in der Krone.
Die Kellnerin ist furchtbar nett.
Soll ich noch einen kleinen Mocca bestellen?
Die Renovierung des Eiles ist abgeschlossen.
Zauners Schuhe haben Löcher. So wie meine.

2000 ist ein kleiner Urlaubsroman von mir erschienen, in dem Hansjörg auch vorkommt, gleich zwei Mal. Mein Ich-Erzähler liegt am Strand und mokiert sich über die Urlaubslektüre der anderen Badegäste – dicke, spannende Bücher, Krimis, Bestseller, für die er eine Bezeichnung findet, auf die er stolz ist:

»Das ist Sagte-er-und-zündete-sich-eine-Zigarette-an-Literatur!«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an.

(Und etwas später auf derselben Seite)
Er fragt sich: Warum liest hier niemand Bücher von Zauner, Glück oder Hell?

(Im Anmerkungsteil ist zu lesen)
Hansjörg Zauner, Anselm Glück, Bodo Hell:
Österreichischen Autoren, denen nicht vorgeworfen werden kann, den sog. Massengeschmack zu bedienen.

(Ein paar Seiten weiter dann)
Alle lesen sie da so dicke Bücher mit vielen Dialogen und SPANNEND sind sie wahrscheinlich auch alle, da kannst du Gift nehmen. Und in keinem der Bücher stehen Sätze drin wie hubschraubermarmelade bitte – das lässt ihn an der Menschheit zweifeln.

(Anmerkung)
Aus VORBEI GEWORTET APPARAT von Hansjörg Zauner.

*

Hansjörg und ich hatten immer wieder Lesungen zusammen. Die meisten davon in Wien, aber auch in Innsbruck und Feldkirch. 2005 präsentierten wir im Restaurant Kent unsere neuen Bücher, die beide bei Droschl erschienen waren, sein Buch hieß die ofensau muss raus und meines Schön und gut. (Wie fad doch mein Titel ist im Gegensatz zu seinem.) Den Abend habe ich in schöner und guter Erinnerung, aus mehreren Gründen. Hansjörg kommt in dem Text vor, der meinem Buch den Titel gab. Vorgeschichte: Wir waren mit dem Zug zu einer gemeinsamen Lesung in Innsbruck unterwegs, auf der Hinfahrt Ich zitiere einen Ausschnitt aus dem titelgebenden Text:

Ich sitze in einem Zug,
mir gegenüber sitzt Hansjörg Zauner.
Er hat einen Walkman am Kopf
und überarbeitet Gedichte.
Doch, das gibt es,
das kommt vor!
Ich weiß, ich weiß,
manche sind der Meinung,
Lyriker gehören eingesperrt
Aber zurück zu der Zugfahrt:
Der Waggon ist voller Menschen,
ein offenes Abteil,
alles voller Menschen,
aber trotzdem ist es still.
Und plötzlich,
in die Stille hinein,
schreit Hansjörg:
»ICH HEISSE MUECKE
SAGE ICH ZUM FOTO DES LEUCHTWURMS!«

Ein anderes Mal fuhren wir bis Feldkirch, wo wir im Theater am Saumarkt zusammen eine Lesung hatten. Wir wohnten beide im Haus meiner Mutter, die heute noch kopfschüttelnd lacht, wenn ich sie auf Hansjörg anspreche. Er schenkte ihr nämlich als Dank für ihre Gastfreundschaft sein Buch n. kein wort haelt eine stelle laenger aus. So ein Buch hatte meine Mutter nie zuvor in den Händen gehabt, dass es möglich war! IN DER SCHRIFT KOMMT IHNEN EIN / FALSCHAUTO ENTGEGEN, BITTE SPRECHEN / SIE ES AUS, BLEIBEN LINKS, UND / UEBERHOLEN SIE DAS WORT AUTO.

Die längste Lesung, auf der ich jemals war, war eine von Hansjörg. In einem Wirtshaus in der Zentagasse las er n. kein wort haelt eine stelle laenger aus von der ersten bis zur letzten Seite vor. Die anfängliche Befürchtung, eine mehrere Stunden lang dauernde Lesung von Hansjörg wäre nur schwer auszuhalten, wich während des Zuhörens dem Gefühl, es könnte noch ewig so weitergehen.
 
heute morgen haben wir glück. die straße selbst bringt uns zum bahnhof. so sparen wir geld für ein taxi. der zug hingegen bleibt aus und wir müssen selbst fahren.

In öffentlichen Verkehrsmitteln rezitierte Hansjörg immer wieder nicht nur eigene Texte, sondern auch solche von anderen. Es war immer ein Spaß, mit ihm in der Bim oder U-Bahn zu fahren, wenn er gut aufgelegt war und Lust hatte, die anderen Passagiere zu beglücken, etwa mit Sätzen von Reinhard Priessnitz, einem seiner Lieblingsdichter, aus dessen Text »SCHRAUBEN«. Wie sie große Augen und Ohren machten, wenn Hansjörg plötzlich seine unverwechselbare Stimme erhob und auswendig vortrug:

»ich sehe ihnen jetzt schon eine graume, ich wollte sagen, geraume zeit lang zu, ohne auch nur das geringste, was da in ihnen und um sie vorgegangen ist, verstanden zu haben. kann sein, dass sie nun meinen, mir seien mit absicht einige schrauben lockerer, als sie es müssten; nun, da ihnen ohnedies kein werkzeugkasten zur verfügung steht, durch den dieser enorme schaden behoben werden könnte, möchte ich mich darüber nicht aufhalten. aufhalten.«

Abschließend sagte Hansjörg: »Aus dem Text SCHRAUBEN von Reinhard Priessnitz.«

Ein Freund von Hansjörg, mit dem ich im Vorfeld korrespondierte, schrieb mir in dem Zusammenhang:

»hellerfreut war ich, dass du das auch mir bekannte straßenbahngedichte-hersagen von Hansjörg erwähnst! ich habe es in wien, paris und berlin erlebt, immer sehr vergnüglich! und erinnerst du dich auch an seine bayer-stelle, die er hergesagt hat:

heda falke
falke
heda falke
ich hab ein schloss
in der bretagne
heda
falke«

Nein, daran erinnere ich mich nicht. Hansjörg hatte kein Schloss in der Bretagne, aber ein Häuschen in Obertraun, wohin er sich im Sommer zurückzog. Wie oft wir darüber geredet haben, dass ich ihn einmal dort besuche. Ich habe es erst nach seinem Tod nach Obertraun geschafft, erst nach seinem Tod sah ich das Haus, in dem er aufgewachsen ist

kippen wir die fliegen aus dem schlauchboot.

*

Es gab einige gemeinsame Vorhaben, die wir irgendwann verwirklichen wollten, es aber nicht schafften, weil immer wieder verschoben – später, später, irgendwann – bis es zu spät war. Dieser verfluchte St. Nimmerleinstag

Wir wollten zusammen eine Lesung unter dem Titel »Jugendsünden« machen. Beide wollten wir Texte vorlesen, die wir als Teenager geschrieben hatten. Hansjörg war in jungen Jahren noch kein worteaufschlitzer und sinnzeichenschmelzer, sondern schrieb recht konventionell. Ich erinnere mich an einen Satz, in dem es um eine Tür ging, die sich knarrend öffnete. Er zitierte diesen gewöhnlichen Satz gern und haute sich jedes Mal darüber ab, als wäre es der Witz des Jahrhunderts. Ich konnte ihn auch mit Perlen aus meinem poetischen Frühwerk erheitern, mit Zeilen wie »Aus den Poren meiner Sehnsucht quillt der Schmerz«

Wir wollten auch eine Lesung machen, bei der er meine und ich seine Texte lesen sollte. Du liest meins, ich les’ deins. Auch nie verwirklicht.

kippen wir jetzt endlich die fliegen aus dem schlauchboot.

Ein Projekt, das er allein durchziehen wollte, war die Operation Schinken-Käse-Toast. Er wollte in Sachen Schinken-Käse-Toast in ganz Wien und Umgebung unterwegs sein, er wollte in möglichst vielen Lokalen Schinken-Käse-Toasts essen, um dann darüber zu schreiben. Eine Schinken-Käse-Toast-Erkundung. Er wollte über die Unterschiede und Feinheiten, die Art der Garnierung, der Präsentation usw. schreiben. Dieses Buch hätte ich gern gelesen, aber das Thema war vielleicht doch etwas zu wenig »welthaltig« – ein Wort, mit dem wir uns auch manchmal beschäftigten, nachdem ein Kritiker gemeint hatte, der österreichischen Literatur ermangle es der Welthaltigkeit. schinkenkäsetoast beißt mich.
 
Wir wollten zusammen in den Zoo, das heißt, das war eher mein Wunsch. Ich beschäftigte mich eine Zeitlang mit Tieren, wohingegen Hansjörg in anderen Teichen fischte. Die Tiere, die in seinen Büchern vorkommen, gehen auf keine Kuhhaut, sind zahlreich und ungewöhnlich, witzig und phantasieanregend (dagegen sieht die Menagerie Morgenstern direkt alt aus).

Hier ein paar dieser Exemplare aus die ofensau muss raus:

haieselhummel – ameisenziege – schneckenhai – trinkspruchstorch – elefantendelfin – tigerschneeschmetterling – sauriergelsen – elefantengazellen – adlerbiene – flugkraulfisch – tigerameise – fischhundkäfer – gelsenmuschelschnecken

Und noch ein paar aus LUXUS:

leuchtkäferbär – giraffenschafe – dahinlackerlsüßwasserkrokodil – schmetterlingspantherforellen – gelbwangenkakadus – schwabbelhüftschnecken – kampfschneckenhund – nuschelmilchkälber – schmetterlingsfisch – haipferdschneckenmotte – wolfsbiberhornisse – papierrosenpferd – spachtelspecht – blicklawinenkläffer – supersäuselkuh – bambiforellen – haischneckengazellen – haipferdplastilinendlosbaggervögel – prärieschneckenhund – bauchschlange – seelöwenmöwen – genussmaus – flugdelfin – koalakrokodile – wortratten – eierknutschwölfe – spechtwanzenwal – brillenkopfschmetterlinge – wildmarzipanschweine – milchschneckenkuh – computerkrähe – papierhundrattenbabys – untermundvögel – leopardenonkelküken – stachelwildente – krötenspechtgockel krötenspechtgockel– forellenmaulschwalben – blickrekordratte – marathonmuschelspechte – schokoladewildhasen – blickschwanzgecko – zitterspuckeulen – duftzottelhund – joghurtleopard – haiwatschenadler – würgewürmchen – turbohornissenlöwe – stabheuschrecken – lachvögel

*

Es kommt immer wieder vor, dass ich mich bei der Lektüre eines Buches langweile, z.B. bei »Sagte-er-und-zündete-sich-eine-Zigarette-an-Literatur«, so dass ich dann das Buch zuklappe und zu einem von Zauner greife. Neben meinem Bett liegen derzeit besonders viele Bücher von ihm. In den meisten stehen Widmungen für mich (wir haben unsere Bücher immer getauscht), die sind zum Teil sehr aufwändig: Er hat gezeichnet, gemalt, geschnipselt, geklebt. Eine Widmung besteht zum Beispiel neben einer Zeichnung aus einem aufgeklebten leeren Zuckersackerl, wie man es im Café zum Kaffee dazubekommt, darin steckt ein beschrifteter Zettel, den man herausziehen kann.

In Briefen oder E-Mails baue ich zeitweise Sätze von ihm ein, gerne zitiere ich:

schickt doch den absender bitte an den brief zurück.
euer blickbriefkuvert verschickt ja auch den empfänger.
zeichnung wird mich abholen und in diesen brief da stecken. womöglich auch damit umherflattern um halbzwei uhr nachts.

 
In E-Mails an Fußballnarrenfreunde habe ich schon folgende Sätze von Zauner einfließen lassen (was manchmal zu schönen Reaktionen führte):

nicht jedes tor kann auch ball sein.
bälle die füße sind verschießen nie zipfelchen schrei.
ball brachte tor ins spital jetzt hat der schuss viel freizeit und schlendert im strafraum umher bis ein spieler ihn schließlich verwertet.
wo im hier denn werden ameisenachselhaare verkauft fragt unser worttormann alle rasanten stürmer.


Wie wohltuend sind solche Sätze nach tausendmal gehörten Phrasen von Fußball-Experten und -Enthusiasten, nach breitgetretenen Stehsätzen, Plattitüden.

Auch zum Wintersport finden sich bei Zauner Zaubersätze:

die zwischenzeit flitzt aber trotzdem vor dem steilhang ins ziel.
sie ist im lieblingssong mit skistöcken als lächeln hängen geblieben.
aber zwei so nette skispringerinnen sind in der luft kleben geblieben und müssen heruntergekratzt werden.


*

Zauner war auch ein Visionär, geradezu hellsichtig und prophetisch. Lange bevor der Abend in der Alten Schmiede am 28. März 2022 geplant war, der türkise Kurz und die Pandemie noch in weiter Ferne lagen, von der gesamtstaatlichen COVID-Krisenkoordination ganz zu schweigen, schrieb er bereits von Schmiede, Umsturz und GECKO:

schmiede bleibt gecko verkehrt.
riesenbaby schoss regierung ab.


*

Zum ersten Mal habe ich Hansjörg Zauner in der Alten Schmiede gesehen, da war ich Mitte zwanzig. Zauner war einer von ungefähr zehn, die an dem Abend gelesen haben. Ich war schwer beeindruckt von ihm. Er trug eine schwarze Lederjacke, hatte eine große Brille auf der Nase und kam mir insgesamt total cool vor. Ich dachte tatsächlich, dass der geile Typ im Gegensatz zu mir sicher schon an etlichen Orgien teilgenommen hatte.

Über einen gemeinsamen Freund lernte ich den Zauner ein paar Wochen später dann persönlich kennen. Ich war schlecht drauf und betrunken, pflaumte Zauner an, fragte, für wen und warum er schreibe, das verstehe doch kein Schwein, was er da von sich gebe Ich weiß nicht mehr, wie der Abend geendet hat.

Bei unserer nächsten Begegnung war Hansjörg positiv überrascht, dass ich diesmal freundlich war. Es tat mir leid, was ich über seine Literatur gesagt hatte, ich schämte mich, wir wurden Freunde.

Die einzige Rezension, die ich je geschrieben habe, eher ein Rezensiönchen, war über ein Buch von Hansjörg Zauner. Die Vorarlberger Nachrichten wollten einen sogenannten »Lesestoff-Tipp« von mir, ich pries das Buch LUXUS von Hansjörg an, indem ich schrieb: »Kein anderer schreibt wie Zauner! Oder wo sonst kann man Sätze lesen wie im frischen dahinplätschern sind wir glücklich dahertänzelpiraten und ich trug dann volle lokale durch bierfässer und durfte glänzen – Prosa de luxe!«

Zauners Verkaufszahlen schnellten in die Höhe.
Stimmt nicht.
Aber nichts anderes war das Ziel meiner Rezension.

*

Hansjörg hatte oft nur wenig Geld und führte »Null-Schilling-Tage« ein, die später von den »Null-Euro-Tagen« abgelöst wurden. Zeitweise ernährte er sich nur von Kartoffeln und Reis, auch die Kaffeehausbesuche mussten ausfallen. Er zeigte mir einmal eine Liste, in der er täglich eintrug, wie viel Geld er ausgegeben hatte. Es waren viele Null-Euro-Tage dabei. Die habe ich mir von ihm abgeschaut, Vorbild Hansjörg.

Er war auch in anderer Hinsicht ein Vorbild für mich: Seine Kunstbegeisterung, sein Künstlersein hatte etwas Ansteckendes, Motivierendes, Bestärkendes. Ich will in dem Zusammenhang die Künstlerin Judith Zillich zitieren, deren Modell Hansjörg zehn Jahre lang war, und die in ihrem Buch Körperrand, in dem viele Porträts von ihm abgebildet sind, über ihn schreibt:
»Was mich von Anfang an faszinierte, war diese Sicherheit, mit der er sich als Künstler begriffen hat, die Beharrlichkeit, mit der er seine tägliche künstlerische Arbeitsroutine vollzog und auch seine Begeisterung über Erfolge, obwohl seine Bücher kaum gelesen wurden und bei seinen Lesungen gegen Ende seines Lebens hin fast kein Publikum mehr anwesend war. Von seinem künstlerischen Eigensinn habe ich viel für meine eigene künstlerische Entwicklung gelernt.«

was ich schon immer fragen wollte. wo sind bei den wörtern die augen. dort wo beim gummi der gummi ist sagt das gummistiefelwort. sollen wirs glauben sagt jolly zum engel

Manchmal stritten wir, eigentlich ein gutes Zeichen für eine Freundschaft. Einmal warf er mir vor, ich würde nur von Literatur reden. Ich dachte, ich spinne, genau das gleiche warf ich ihm vor, also dass er nur über Literatur und alles, was damit zusammenhing, redete, einmal abgesehen von der Geliebten, der Verliebten (darüber später). Ein Wort ergab das andere. Ich half ihm, Plakate für die Veranstaltung »Lyrik im März« aufzuhängen, und während wir vor der Uni mit den Plakaten hantierten und sie mit Tixo befestigten, eskalierte der Streit, wir gerieten uns fast in die Haare, ausgerechnet dort zwischen vielen Studentinnen und Studenten zuckten wir aus und schrien uns gegenseitig an, dass der andere nur über Literatur reden würde. – Wir mussten ein groteskes Schauspiel abgegeben haben und einige werden sich wohl gefragt haben: Was ist nur mit den Lyrikern los?

erschrocken fuhr die kreuzung über die stopptafel neben dem auto und zersägte jeden fragenden sinn.

Als ich einmal mit Herrn Pollak den Büchertisch bei »Lyrik im März« betreute, kam es zu einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen dem betrunkenen Thomas Frechberger und einem anderen Herrn, den ich damals noch nicht kannte. Die beiden gingen aufeinander los, wurden handgreiflich, mussten von den Umstehenden getrennt werden, damit sie sich nicht weh taten. Während des Gerangels hörte man von den beiden ungefähr Folgendes: »Was, ich soll kein Dichter sein? DU bist kein Dichter!« – »Ich bin schon ein Dichter, aber DU bist keiner!« – »Doch, ich bin ein Dichter! DU sicher nicht!« Ich war sehr überrascht, als mir Hansjörg sagte, der zweite »Dichter« sei Ronald Pohl vom Standard. Den hatte ich mir anders vorgestellt.

bis die sprache ganz zusammengekehrt ist dauert es ein paar jahre.
auch ufer schwamm immer wieder ans land.
so ist jedes zitat leicht verwirrt.


*

Ein Satz, den ich oft von Hansjörg gehört habe: dann sind wir rüber gegangen ins chelsea. Es ist ein Satz aus einem seiner Bücher, den er immer wieder sagte, ob es passte oder nicht: dann sind wir rüber gegangen ins chelsea. Das Chelsea war lange sein Stammlokal, bis es dann vom Rhiz gleich daneben abgelöst wurde.

Es gab eine Zeit, da saßen wir gern in Lokalen und tranken Bier. »Jetzt sind wir schon graume, nein, geraume Zeit hier Jetzt trinken wir schon graume, nein, geraume Zeit Bier « Hansjörg nannte das Bier den »gelben Hund«, er zitierte Ernst Jandl, er zitierte sich selbst: »der eigenzitierte gelbe hund«
»Graume, geraume, grauner, Zauner «

Wir spaßvogelten gern zusammen.
Zitat Kurt Tucholsky; »Klamauk ist nur schön, wenn er auf Ernst beruht.«

adlerbiene vögelt stier


Immer wieder sprach er über die Geliebte.

In dem Zusammenhang fiel auch oft der Satz: »Dea hot kane dawuschn, dea hot nie ane dawuschn « Das hatte er in Obertraun aufgeschnappt, Frauen unterhielten sich über einen unverheirateten, übriggebliebenen Mann. »Dea hot kane dawuschn, dea hot nie ane dawuschn« – so oft gehört aus Hansjörgs Mund, er bezog es auf sich.

Die Geliebte, die Geliebte, immer wieder sprach er von der Geliebten, die es nie gab, die er nie traf, und je länger er auf die Geliebte, er nannte sie auch die Verliebte, wartete, desto höher wurden seine Ansprüche an die Geliebte, an die Verliebte. Er hatte einen Fan, eine Frau, die im Eiles war, wenn er dort war, die ihn ansah, immer ansah, aber sie gefiel ihm nicht, er wollte sie nicht. Der Fan, mein Fan, sagte er. Sie war nicht das, was er sich unter der Geliebten, der Verliebten vorstellte.

ach achselgarten ach
ich bin eine tafel schokolade im körper einer gans
ich kenne eine zunge die ist mindestens 27 meter weich

*

Lutsche ich ein Jolly (dem Eis bin ich treu geblieben seit meiner Kindheit, ich freue mich darüber, dass manches Bestand hat), denke ich fast jedes Mal an Hansjörg, an sein Buch Jolly und an seinen Film Jolly.

Friedhof der Namenlosen! Ich war mit Hansjörg dort, ich half ihm bei den Dreharbeiten zu einem seiner Filme. Er hatte eine kleine alte Kamera dabei (ich kenne mich bei so was nicht aus), jedenfalls warfen wir uns gegenseitig viele Male die eingeschaltete Kamera zu, hin und her warfen wir sie, währenddessen nahm sie Bilder auf, in alle Richtungen Wir hatten Publikum, mir war nicht ganz wohl in meiner Haut.
Danach musste ich Hansjörg filmen, wie er am Damm in die Ferne spazierte – er wurde immer kleiner und kleiner. Ich dachte schon, er spaziert bis Bratislava. Ein Bild, das ich nach seinem Tod öfter im Kopf hatte.

*

Aus E-Mails an Freund:innen im März dieses Jahres:

1.3.
Habe mich heute schon mit dem Text über Zauberzauner Wortzuckerlhansjörg beschäftigt – auch traurig. Es tut mir leid, dass ich Hansjörg am Schluss im Stich gelassen habe (doch, so ist es), ein Treffen immer wieder hinausgeschoben habe, bis es zu spät war. Ich hätte bei unserer letzten Begegnung sehen müssen, dass er Hilfe braucht. Die Begegnung war übrigens in der Alten Schmiede, wo ich am 28. über ihn lesen werde. Es wird u.a. gehen um gackergedanken. wortknödelwespen, ichwackler und dusauger. Ich freue mich auf den Abend, es wird eine nachträgliche Verbeugung sein, über die Hansjörg sich hoffentlich freuen würde

5.3.
Ich beschäftige mich weiter mit Hansjörg Zauner und seinen Wortkaskaden. In einem seiner Gedichte in dem Buch große freifahrt steile küsse wird geschossen, aber das tut niemandem weh: gedicht schießt sprache nieder. Hansjörg geht mir manchmal ab, ich würde gern wieder einmal mit ihm einen Nachmittag an der Bar vom Café Hummel verbringen wie wir das früher gelegentlich gemacht haben, als noch keine Rede war von Pandemie und Krieg. Die damalige Barfrau hat nicht nur Hansjörg sehr gut gefallen. lass mich in deinem mund wenn schon keine zunge zumindest wortzuckerl sein. vergiss es sagst du und drehst dich weg.

6.3.
Es ist ein Luxus, sich mit Sätzen wie 99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt von Zauner beschäftigen zu können, während anderswo scharf geschossen wird und nichts passt.

7.3.
Das Wetter ist trüb, grau und kalt. Ich habe heute einiges vor, wenn ich nur nicht so müde wär’. Aber ich sage so: Nichts läuft mir davon, ich habe alle Zeit der Welt, auch wenn ich morgen sterben sollte. Das ist eine tröstliche Logik. Hoch lebe die freche sprachbrauerei, wie Zauner meint, denn alles macht spaß sagen von sich betrunkene worte. So ist es! Möge das große lieblingswortbutzerl im sprachgatsch mit uns sein, in Ewigkeit, Zauner.

*

vielleicht ist mein vogel
nicht gefangen nur ins
wort hineingeschlüpft verschwunden
und später verstaubt wieder als
käfig aufgetaucht und schraube


Text: © Christian Futscher



Retrogranden aufgefrischt: Hansjörg Zauner