der hammer 116

Literatur im Herbst: Identissimo

November 2021

Kaum ein anderer Begriff hat in den letzten Jahren eine solche Konjunktur erlebt wie »Identität«. Als Beschwörungsformel und Drohgebärde, als Rettungsring und Teufelszeug. Herkunft und Sehnsucht, Aussehen und Prägung, Augenziel und Zungenschlag werden in dieses eine Wort gebündelt, bis kaum jemand weiß, was es meint. Da keine zwei Menschen »völlig gleich und übereinstimmend« sind (die Definition von »identisch«), müssen Gruppenidentitäten erst recht konstruiert, postuliert und lautstark verteidigt werden. Wer genauer hinschaut, erkennt hinter der behaupteten »Wesenseinheit« viele Differenzen. »Identität« im politischen Diskurs ist ein kontaminierter und vielfach gefährlicher Begriff, weswegen es sinnvoll ist, dass sich ein literarisches Festival seiner Fragwürdigkeit annimmt.

In der Literatur wird meist vielstimmig erzählt, auch wenn nur eine Stimme zu Wort kommt. Zwischen Selbst- und Fremdbild, zwischen individuellen Aspirationen und gesellschaftlichen Zwängen bietet Literatur ein vielschichtiges Panorama, in dem die Anliegen der Eingewanderten und Ausgeflogenen, der Vorgefahrenen und der Nachgeborenen hörbar und je nach eigener Fantasie sichtbar werden. Jeder Mensch hat eine Lebensgeschichte, die Frage ist nur, wer diese erzählt, und in welcher Weise. In dem Maße, in dem die traditionellen Vorstellungen von homogener Kultur den überwiegend urbanen Realitäten nicht mehr entsprechen, beschwören wir das Gemeinsame, indem wir uns gegenseitig unsere Geschichten erzählen, auch wenn wir sie erdichten.

Im öffentlichen Raum wird »Identität« oft instrumentalisiert, in der Literatur dient sie der Selbstvergewisserung. Anstelle einer Behauptung stehen (oder tänzeln) viele Fragen. Angefangen mit jener, ob Fliehende, Vertriebene, Entwurzelte oder Marginalisierte überhaupt eine Identität haben oder ob nicht vielmehr die Dynamik ihres Lebens sich übersetzt in ein komplexes Sammelbild (oder Suchbild oder Vexierbild), in ein fortdauerndes Zusammenfließen scheinbar widersprüchlicher Einflüsse und Visionen.

Genau dies möchte die diesjährige Literatur im Herbst einfangen, mit einer schillernden Vielzahl von Dichterinnen und Romanciers, von Spoken-Word-Performern und Essayistinnen. Eine jede und ein jeder trägt in sich das berühmte Diktum von Mahmut Derwisch: »Ich – das sind viele.« Insofern ist es nur verständlich, dass an einem langen Wochenende im November im Odeon (auch ein Verwandlungsort, früher Börse für landwirtschaftliche Produkte, heute Wörterbörse) ein ganzes Orchester ohne Dirigent zu hören sein wird, mit Stimmen, die ins Eigene und Eigenwillige wachsen und wuchern, die sich politisch den Zumutungen der Zeit stellen, oder ihnen die warme Schulter zeigen, die auf jeden Fall mehr beizutragen haben über die Brüche und Aufbrüche in unseren Gesellschaften als das, was die gerupften Spatzen laut von allen Dächern pfeifen, vom Rathaus ebenso wie vom Medienhaus.

Der Eröffnungsabend wird die brodelnde Kreativität der europäischen Metropolen aufzeigen (mit Deniz Utlu und Sharon Dodua Otoo aus Berlin), den Abschluss wird der große alte Mann der afrikanischen Literatur setzen, Nuruddin Farah, der als Exilant und »panafrikanistischer Kosmopolit« beharrlich über sein Herkunftsland Somalia schreibt. Dazwischen jede Menge Anregung.

Begrabt die Etiketten, es gelte Poesie!
Ilija Trojanow

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