programm

Donnerstag, 15. Oktober

103. Grundbuch der österreichischen Literatur seit 1945

19:00
Ferdinand Schmatz das grosse babel,n Haymon Verlag, 1999
Klaus Kastberger, Kurt Neumann, Johanna Öttl REDAKTION, MODERATION

Im Werk von Ferdinand Schmatz nimmt das grosse babel,n einen Scheitelpunkt ein, an dem seine poetische Erforschung dessen, was wir behelfsmäßig »Geist« nennen, eine neue Stufe erreicht hat. Geist lässt sich instantan erfahren als Zusammenspiel von Körper-Wahrnehmung, Sprachhandlung und Reflexion, und diachron erkennen in der Analyse dieser Momente, wobei die Wirklichkeit des Geistes im ständigen Wechsel der beiden Phasen geschieht. Schmatz' Gedichte lassen sich – vielleicht – als Reaktoren verstehen, in denen wir diese Prozesse am Plasma der Sprache nachvollziehend beobachten können. In das grosse babel,n nimmt Schmatz die Bibel in den Fokus seines Dichtens, genauer: eine Auswahl aus Genesis, Psalmen und Apokalypse mit deren Sprachformen des weltschaffenden Erzählens, des appellierenden Gefühlsausdrucks und des Beschwörens von Abwesendem. Schmatz' Einschmelzung des autoritativen Textkonglomerats und das resultierende »Um-Bedeuten« mit den von ihm entwickelten Verfahren der Sprachkunst gibt Anlass zu befreiendem Kopf-Zerbrechen.

T. Poiss

Ferdinand Schmatz, *1953 in Korneuburg/NÖ; Lyrik, Prosa, Essays, Herausgabe der Werke von Reinhard Priessnitz. 2012–2020 Professor und Vorstand des Instituts für Sprachkunst in Wien. Publikationen (u.a.): der (ge)dichte lauf. 1977–1980 (1981); Die Reise. In 80 Gedichten um die Welt (mit Franz Josef Czernin, 1987); Sinn & Sinne. Wiener Gruppe, Wiener Aktionismus und andere Wegbereiter (1993); Sprache – Macht – Gewalt. Stich-Wörter zu einem Fragment des Gemeinen (1993); Portierisch. Roman (2001); Tokyo, Echo oder wir bauen den Schacht zu Babel, weiter (2004); Durchleuchtung. Ein wilder Roman aus Danja und Franz (2007); quellen. Gedichte (2010); das gehörte feuer. orphische skizzen (2016); auf SÄTZE! Essays zur Poetik, Literatur und Kunst (2016); STRAND DER VERSE LAUF. Gedicht (2022). Schielen ist Erkenntnis (2026).

Thomas Poiss, *1959; Gräzist, Literaturwissenschaftler; forscht und lehrt am Institut für Klassische Philologie der Humboldt-Universität Berlin; befasst sich als Literaturkritiker mit zeitgenössischer Poesie.

gemeinsam mit dem Adalbert-Stifter-Institut, Linz (12.10.)
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