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Alpensprache Rohrmoos

Blog, 4. Oktober 2021
Alpensprache Rohrmoos ist ein poetischer Dialog mit Friederike Mayröcker und Ernst Jandl, den Frieda Paris und Christoph Szalay ausgehend vom steirischem Ferien- und Schreibort der beiden Dichter*innen entwickelt haben. Für den Blog haben Frieda Paris und Christoph Szalay Lesungsauszüge und Fotografien ihrer Recherche vor Ort zur Verfügung gestellt. Am 7.10. stellen sie Alpensprache Rohrmoos gemeinsam mit der Literaturwissenschafterin Aurélie Le Née in der Alten Schmiede vor. (Zur Veranstaltung)

Rohrmoos als glücklicher Ferienort Friederike Mayröckers und Ernst Jandls von den späten 1960er bis zu den 1980er Jahren wird im Werk der beiden Dichter mehrmals evoziert. Idyllische Alpenlandschaften sind mit diesem Ort verbunden, aber auch Szenen des Alltags eines Paars, die nicht selten melancholisch klingen. In Rohrmoos verfassten Friederike Mayröcker und Ernst Jandl Gedichte und das gemeinsame Hörspiel »Spaltungen« (1969). So entsteht ein Dialog zwischen beiden Werken, zwischen den Texten und dem Ort, eine »Alpensprache«, die Frieda Paris und Christoph Szalay mit ihrer Performance fortsetzen. 

Aurélie Le Née


Rohrmoos68_1.jpg
Haus Ipsen oder Leerstelle

Vielleicht ein                                       

Bild von Himmel

und 

Schwimmbecken.                                         


Vielleicht ein

Bild von                                          

drinnen.

 

Vielleicht ein

Bild von zwei Personen,

Menschen stehen                             

und draußen.

 

Vielleicht ein                                   

Bild von Taube

und draußen.                                   

 

Vielleicht ein

Bild von einer Person

und draußen.                                  

                                                           

Vielleicht ein

Bild von Blume                              

Natur und Baum.

                                                         

Vielleicht ein

Bild von drinnen.                   

 

Vielleicht ein Bild von                     

draußen                                                                                                                                                          

und Baum.                                         

  

Vielleicht ein Bild                            

von einer Person

und Baum.




Wie entgegen einem Vielleicht arbeiten?


In Rohrmoos bin ich gegangen und gewandert, allein

                Friederike Mayröcker, der Standard, 20.12.2019

Während wir: wanderten zwischen Archiv und Gedicht, vor Ort und digital

                zwischen poetischen Verfahren und Weiterschreiben.

Wobei sie nicht wanderte, nicht in R., nicht in Wien, aber versuchte den Berg

                hinauf zu kommen, hinunter

während er, dort zu Haus

                leichtfüßig und ausgestattet hinauf, hinunter

diesen Fußweg nach Rohrmoos.


Fußweg1.jpg
Es gibt keine falsche Kleidung

rohrmoos, der ort, zieht durch mein leben sich

als sommer, derer jeder keinem glich

schreibt Jandl in den skizzen, Sommer '83,


und wie oft du aus diesen Landschaften läufst –

dem Gneis, Glimmerschiefer, Phyllit, dem Kalk, den Karen im Berg –

nur um immer wieder zurückzufinden

an den Fels,

die Wälder darunter,

die Hochplateaus

und Talsenken,

vorbei oder hinauf

an den Schutzhütten,

vierhundertfünfzig Jahre alten Almen und Höfen,


dieser Versuch,

diese Versuchung,

die Sehnsucht

nach den Unversehrtheiten,

-verrückbarkeiten,

einer Zeit, von der du denkst,

es hätte sie gegeben:


die Sommer

an der Haut,

die Nächte,

die tragen würden,

so weit, wie die Versprechen

reichten, die man sich gegeben


Dearest,

I will always wish you were close


irgendwann wird es wieder still werden

denkst du


wird sich dieses Toben legen

in den Wäldern


denkst du


manchmal

die Sprache hin auf ihren Klang

wägen

ihre Unvernunft


um aus dem Taumel,

den Tumulten herauszutreten


Via Lungo Adige

dem Fluss folgst du bis an die Mündung

Isola Verde

über Umwege wieder zurück bis

Ca' Zennare

die Beine müde von den Tagen im Sattel


und die Frage,

fährst du auf etwas zu

oder vor etwas davon


The worst is upon me

beginnt Hélène Cixous' Angst

oder

mit dem Fall eines Engels auf die Erde

Richard Obermayrs Das Fenster,

dessen Spur, die der Sturz aus dem Himmel

in der Landschaft hinterlässt,

Schneisen, von den Feldern im

Landinneren, bis an die Küste

glz. Küsse


Dearest,

I wonder, how much further

do you need to ride

to disappear entirely

Alpensprache3.jpg
Werbung in Schladming

Wie ich R. nenne, wenn ich nicht dort bin


Sehnsuchtsberge

Lebenskrümel

Lungenerholungsgärtchen

Jubelzimmertürmchen

Augustgestirn

Nachsommerbild

Sohlenbeet

und so weiter

Unterwegs.jpg
Schienenersatzverkehr


Text: Frieda Paris und Christoph Szalay

Fotos: Frieda Paris

StreitBar: Norbert Gstrein & Jonas Lüscher

Ensemble Q-Arte