Die Sichel 16
Die Sichel 16
Heft 16, Frühling 2026, 6. Jahr
Indianer?
Christian Feest: Die »Indianerfrage«
Reinhard Mandl: Bei den Indianern Nordamerikas
Indianerrechte stehen nicht zum Verkauf
Indianerhof heißt eine Wohnhausanlage des Roten Wiens, in deren Eingangsbereich eine Indianerskulptur mit Tomahawk prangt. So manchem wird auch noch ein Wahlplakat der SPÖ aus dem Jahr 1983 in Erinnerung sein, das Bruno Kreisky mit Federschmuck und Friedenspfeife als Indianerhäuptling zeigt. In Zeiten, in denen sich Kulturlinke auf woke Kriegspfade verirren, wären die Benennung eines Gemeindebaus als Indianerhof und ein sozialdemokratischer Spitzenpolitiker als Indianerhäuptling wohl ein Ding der Unmöglichkeit.
Bezeichnet man in einem Nachruf auf einen Genossen, dies in einer alternativen Boulevardzeitung, als Stadtindianer, so führt das – der Redakteur der Sichel spricht aus Erfahrung, Indianerehrenwort! – zu einem Redaktionspowwow und den Autor an den diskursiven Marterpfahl. Zur Erinnerung und sogar Wikipedia weiß es noch: Die Stadtindianer (italienisch indianimetropolitani) waren einmal ein Teil der linksradikalen Bewegung, speziell der Studentenbewegung von 1977, der auch auf die deutsche Sponti-Szene ausgestrahlt hat. Gründungsdokument der Stadtindianer von Rom war ihr Manifest, das am 1. März 1977 in der Zeitung Lotta Continua veröffentlicht wurde: »Lange haben wir um den Totem unseres lichten Wahnsinns getanzt (…) Die Zeit der Sonne und der tausend Farben ist angebrochen. Es ist die Zeit, dass das Volk der Menschen in die grünen Täler hinabsteigt, um sich die Welt zurückzuholen, die ihm gehört. Die Truppen der Bleichgesichter mit ihren blauen Jacken haben all das zerstört, was einst Leben war, sie haben mit Stahl und Beton den Atem der Natur erstickt. Sie haben eine Wüste des Todes geschaffen und haben sie ›Fortschritt‹ genannt.«
In seiner Einführung zum Band Winnetou. Karl May in kritischen Zeiten schreibt Klaus Farin: »Auf dem Wahlparteitag der Berliner Grünen 2021 soll die Spitzenkandidatin menschlich präsentiert werden und wird von der Moderatorin nach ihren früheren Berufswünschen gefragt. Ihre Antwort: als Kind wäre sie gern Indianerhäuptling geworden. Sofort erhebt
sich jedoch in der grünen Community ein missbilligendes Raunen. Bettina Jarasch solle sich für den Gebrauch dieser ›diskriminierenden kolonialistischen Fremdbezeichnung‹ entschuldigen, wird von diversen indigenen Deutschen gefordert. Zwei Stunden später offenbart die Spitzenpolitikerin der Grünen nicht nur ihre hohe persönliche Bereitschaft zum Opportunismus, sondern auch den autoritären Charakter großer Teile der Grünen-Mitglieder: Sie entschuldigt sich für die Träume ihrer Kindheit, verurteilt ihre ›unreflektierte Wortwahl und unreflektierten Kindheitserinnerungen, die andere verletzen könnten‹. In der YouTube-Aufzeichnung ihres Interviews wird der inkriminierte Satz gelöscht.«
Walter Famler