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Dienstag, 9. Juni

102. Grundbuch der österreichischen Literatur seit 1945

19:00
Gregor von Rezzori Maghrebinische Geschichten Rowohlt Verlag, 1953; Rimbaud Verlag, 2020
Ronald Pohl KOMMENTIERTE LESUNG
Jan Wilm REFERAT
Klaus Kastberger, Kurt Neumann REDAKTION, MODERATION

»Was ist – geschändet wird nicht?«, rufen erschüttert die Eunuchen in Gregor von Rezzoris Maghrebinische Geschichten. Ihr Ausruf ist exemplarisch für das Pendelspiel zwischen Komik, Abgründigkeit und kultureller Provokation, das die lose gefügten Episoden prägt.
Mit seiner unvergleichlichen Mélange aus Erinnerung und Fiktion unterwandert Rezzori satirisch verkrustete Gesellschafts- und Moralvorstellungen und formt aus historischen Umbrüchen ein vielschichtiges Wimmelbild. Seine von Ironie und Melancholie durchwirkte Sprachkunst behauptet in der deutschsprachigen, zumal der österreichischen Literatur des 20. Jahrhunderts – Rezzori wurde 1984 nach Jahrzehnten der Staatenlosigkeit de facto österreichischer Staatsbürger – eine durchaus eigenwillige Position.

J. Wilm

Gregor von Rezzori d’Arezzo, *1914 in Czernowitz (Bukowina, Österreich-Ungarn), gestorben 1998 in Reggello (Toskana), Journalist, Autor und Filmschauspieler. 1919–1940 rumänischer Staatsbürger, danach staatenlos, ab 1984 österreichischer Staatsbürger. Gymnasien in Siebenbürgen, Steiermark und Wien, Studien in Leoben und Wien, danach Zeichner und Dekorateur in Bukarest, ab 1938 in Berlin, dann in Schlesien. Erste Romanveröffentlichung 1940 (Flamme, die sich verzehrt); nach 1945 Hamburg, Hörfunkarbeiten, Reportagen (u.a. von den Nürnberger Prozessen). Maghrebinische Geschichten im Nachtprogramm des NWDR, 1953 als Buch mit internationalem Erfolg. 1967 dritte Ehe mit Mailänder Galeristin, erfolgreicher Gesellschaftsjournalist und -autor (u.a. Männerfibel; Adel; Schickeria), zuletzt für den ORF und den Kurier. Mehrfache Ergänzungsbände zu den Maghrebinischen Geschichten. Weitere literarische Bücher u.a. Oedipus siegt bei Stalingrad. Ein Kolportageroman (1954); Der Tod meines Bruders Abel. Roman (1976); Memoiren eines Antisemiten. Ein Roman in 5 Erzählungen (1979/ 2004, Vorwort Péter Nádas); Kurze Reise übern langen Weg. Eine Farce (1986); Greisengemurmel. Ein Rechenschaftsbericht (1994/2005, Vorwort Péter Esterházy); Mir auf der Spur (1997).

Ronald Pohl, *1965; Autor, Kulturredakteur (Der Standard). Zuletzt: Dreyfus' Säbel. Eine Rückabwicklung (2025).

Jan Wilm, *1983; Autor, Übersetzer, lehrt an der Univ. Düsseldorf. Zuletzt: Sachertorte und andere Fiktionen. Erzählungen (erscheint im August 2026) sowie Bärtierchen (2025).

gemeinsam mit dem Literaturhaus Graz (10.6.) und dem Adalbert-Stifter-Institut, Linz (11.6.)

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