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Alles unter dem Himmel: Philosophie und Literatur aus China

In der zweiten Folge der China-Veranstaltungsreihe der Alten Schmiede steht die politische Philosophie im Mittelpunkt. Die in
England aufgewachsene Philosophin Xiang Shuchen konfrontiert in ihrem aktuellen Buch europäischen Kolonialismus mit chinesischem Kosmopolitismus. Tianxia, »Alles unter dem Himmel«, zentraler Begriff der chinesischen Philosophie,
impliziere, so ihre These, ein Weltbild, das dem in der christlichen Antike wurzelnden europäischen Menschenbild diametral entgegengesetzt ist.

Weltgeschichtlich, so Xiang, hatte eine auf Rassendierenz beruhende europäische Ideologie katastrophale Konsequenzen. Die
Fixierung auf Andersartiges hätte nach dem Zeitalter imperialer Weltentdeckung durch europäische Seefahrer zur Ausrottung von fünfundneunzig Prozent der ursprünglichen amerikanischen Bevölkerung geführt: der größte Genozid der Weltgeschichte. Unter Berufung auf James Baldwin, Frantz Fanon und andere westliche Kritiker kolonialer Imperialismen hält Xiang daran fest, dass weiße Überlegenheitsideologeme neben vielen anderen verheerenden Eekten den transatlantischen Sklavenhandel befördert haben und dazu führten, dass die Völker Afrikas um die Hälfte dezimiert und ihrer Bodenschätze beraubt wurden. Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatte Europa damit fünfundachtzig Prozent des Planeten in protektorialer
Geiselhaft. Die immer noch bestehende koloniale Weltordnung würde durch ein chinesisches Weltbild, das auf kosmopolitischer Identität beruht, herausgefordert. Xiangs Chinesischer Kosmopolitismus ist die politische Zuspitzung von Zhao Tingyangs Buch Alles unter dem Himmel. Vergangenheit und Zukun der Weltordnung, seit dessen deutschsprachiger Taschenbuchausgabe in der Reihe Suhrkamp Wissenschaft aktuelle Tianxia-Basislektüre auch im deutschsprachigen Raum. Xiangs provokanter antikolonial grundierter Ansatz führt über Zhao in vielfacher Hinsicht hinaus. Zur Kontextualisierung von Xiangs Geschichte und Philosophie eines chinesischen Kosmopolitismus hat die Alte Schmiede neben der slowenischen Sinologin Jana Rošker und dem chinesischen Buddhologen Li Xuetao den US-Amerikaner Don J. Wyatt eingeladen, der sich in seinen Publikationen mit den Schnittstellen von Ethnizität und Gewalt im Zusammenhang mit Sklaverei beschäftigt. Liang Hong, Erönungsrednerin der vorjährigen Literatur im Herbst, präsentiert die deutschsprachige Ausgabe des zweiten Teiles ihrer Liangzhuang-Trilogie. Ein Dorf in der Fremde richtet den Blick auf Menschen aus Liangs Geburtsort Liangzhuang, die als Wanderarbeiter in Großstädten leben. Mit Dong Xi, Tian Er und Yuan Mei präsentiert der Wiener Verlag Sonata Book drei weitere Titel chinesischer Literatur aus seinem aktuellen Programm. Die Dichterin und bildende Künstlerin Fan Xueyi, die im Vorjahr ihre Lyrik erstmals in deutscher Übersetzung vorgestellt hat, führt diesmal in die Kunst der Kalligraphie ein.

Walter Famler

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