zum festival 2017

Dialektik der Befreiung

Programmatisch knüpft die diesjährige Literatur im Herbst an den gleichnamigen Kongress an, den die Antipsychiater Ronald D. Laing und David Cooper 1967 in London organisiert haben. Themen, die damals und heute bewegt haben und bewegen, sind unter anderem: Freiheit und Kontrolle, Entmystifizierung der menschlichen Gewalt in allen ihren Formen sowie der Systeme, denen sie entspringt. Aspekte des Imperialismus, die versagende Wohlstandsgesellschaft. Diskreditierung von gesellschaftlichen Alternativen, Ausbeutungsmechanismen im digitalisierten Kapitalismus, Populismus und neuer Faschismus, Ästhetisierung und Digitalisierung aller Lebenszusammenhänge. Befreiung von der Überflussgesellschaft und Alternativen zur Akzeptanz von Furcht und Unsicherheit. Verdinglichung des Menschen. Macht und Widerstand bei intensivierter Reproduktion von Ungleichheit. Der virtuelle Staat. Repressive Toleranz. Kritik und Affirmation. Idiotie und Intellekt, Kolonialisierung der Fantasie, Macht und Ohnmacht. Die Liste ließe sich fortsetzen.

»Wir haben das Gefühl, immer mehr zu wissen und immer schneller zu handeln – in Wahrheit findet aber eine Einschränkung, fast Lähmung unserer Entschlussfähigkeit statt. Wie Teenager sitzen wir unbeweglich und lethargisch in unseren Zimmerchen, in unseren Köpfen aber rasen die Gedanken. Die technische Entwicklung hat unseren Willen gelähmt und unsere seelischen und sozialen Algorithmen völlig ins Ungleichgewicht gebracht. Es ist, als würden wir von den technischen Apparaten in einer totalen Gegenwart festgehalten, während wir in den Untergang rutschen.« Der Theaterregisseur und Essayist Milo Rau, dessen Kongotribunal aktuell als Film zu sehen und auch in Buchform dokumentiert ist, ist einer der Proponenten einer General Assembly, eines Weltparlaments der Entrechteten und Ausgebeuteten. In seiner Eröffnungsrede zeichnet er ein unbequemes Porträt unserer Zeit, entwirft aber auch Exit-Strategien aus grassierendem Alarmismus und falscher Moral. Shalini Randeria, international tätige Sozialanthropologin und Rektorin des Instituts für die Wissenschaften vom Menschen, wird mit Milo Rau dessen radikale politische Ästhetik, die immer auch zu einer ebensolchen Praxis aufruft, debattieren.

Als Debattenformat sind auch die Kanzelreden, bei denen zentrale, das Leitthema Dialektik der Befreiung politisch und philosophisch grundierende aktuelle Buchpublikationen und Thematiken im Zentrum stehen, konzipiert. Isabell Lorey (Die Regierung der Prekären) und Thomas Seibert (Ökologie der Existenz) werden in der ersten Runde aufeinandertreffen, Stephan Lessenich (Neben uns die Sintflut), Katja Diefenbach (Politik der Potentialität) und Felix Ensslin (Theater im Menschenpark) in der zweiten.

Maurizio Torchio hat mit Das angehaltene Leben einen Roman vorgelegt, in dem sich Haft und Gefängnis zu einer Metapher menschlichen Seins verdichten, die »eine Welt aus Schmerz« beschreibt, »in der die Grenze zwischen Henker und Opfer verschwimmt«. Das Verschwimmen solcher Grenzen ist auch ein Motiv in Pier Paolo Pasolinis Salò – oder die 120 Tage von Sodom, einem der bislang radikalsten Versuche, mit Mitteln der Kunst Herrschaft und Ausbeutung in ihrer sowohl sadistischen als auch masochistischen Grundstruktur zur Darstellung zu bringen.

Nora Bossong zeichnet Antonio Gramsci in ihrem Roman 36,9° als einen Gefangenen zwischen theoretischem Anspruch, kommunistischer Partei und den Fallstricken der Liebe. Pankaj Mishras neues Buch Das Zeitalter des Zorns ist ein Parforceritt durch die Geschichte der europäischen Aufklärung und ihren Analogien zum pervertierten Freiheitsbegriff in islamistischen Märtyrer- und Opfertod-Ideologemen. Colson Whitehead beschreibt in Underground Railroad mit dem Rassismus der Vergangenheit gleichzeitig den Rassismus der Gegenwart. Der US-amerikanische Autor wird aus seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman lesen.

Ivan Krastev und Paul Lendvai diskutieren mit Aspen Brinton in einem Werkstattgespräch über Dissidenz, Freiheit und Unfreiheit in Osteuropa. An James Baldwin und Herbert Marcuse, beide von nachhaltigem Einfluss auf die Bürgerrechts- und Protestbewegungen der 1960er-Jahre und darüber hinaus, erinnern die Filmdokumentationen I Am Not Your Negro und Herberts Hippopotamus. Eine kommentierte Neuauflage des Sammelbandes Dialektik der Befreiung setzt die Referate des Londoner Kongresses, unter anderem Herbert Marcuses Befreiung von der Überflussgesellschaft, in den Kontext der aktuellen Debatten.

Walter Famler

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