zum festival 2020

Die Kraft der Literatur

Neulich beugte sich ein junger, tatkräftiger Buchhändler zu mir und flüsterte mir ins Ohr: »Ich darf es ja nicht laut sagen, aber wir werden heuer unser bestes Ergebnis erzielen.« Zunächst war ich erstaunt. Doch diese Tendenz erwies sich nicht als Einzelfall. Lesen ist keineswegs obsolet oder veraltet, sondern wieder »in«. In manch einer Buchhandlung hört man von Kindern, die in der Corona-Zeit zum ersten Mal Schmöker verschlungen haben, im Freundeskreis von Eltern, die jene Lektüren nachgeholt haben, die sie sich seit Jahren vorgenommen hatten. Das ist nicht unbedingt eine Überraschung, denn Literatur bietet nicht nur Welterkenntnis und ästhetisches Vergnügen, sondern auch – und nicht zuletzt – Trost.

Es entstehen zwischen den Lesenden und dem Buch intime Räume der Begegnung, die ins Vertraute wachsen, ins Verlässliche. Mit anderen Worten: Freundschaften und manchmal sogar Liebesaffären. Was dieser Tage etwas ungelenk »social distancing« genannt wird, bei beruflichen und privaten Kontakten, kann lesend ersetzt werden durch »social intimacy«, durch eine sprachmächtige und fantasiebegabte Zweisamkeit. Gerade und erst recht in Zeiten der Isolation. Zudem wirkt die Lektüre zur Entschleunigung und daher beruhigend. Kein flüchtiges Zappen und Chatten, keine rasante Dominanz von Bots und Bytes, sondern ein bedächtiges Hineingleiten und Verbleiben. Ein Innehalten inmitten der stürmischen Ungewissheiten.

Im Jahre 2020 werden wir daran erinnert, welche immensen Kräfte der Literatur innewohnen, welche Möglichkeiten sie für uns alle potentiell bereithält. Deswegen haben wir beschlossen, das diesjährige Festival Literatur im Herbst großen Erzählerinnen und Erzählern zu widmen, die vor den Realitäten nicht flüchten, sich ihnen zugleich aber auch nicht ohnmächtig ergeben. Sondern aufgreifen, was des Erinnerns lohnt, reflektieren, was unbedingt zu bedenken ist, und alternative Erzählungen sowie Visionen ausbreiten. Denn in der Literatur herrschen stets andere Gesetze als bei den Reglementierungen des Alltags.

Unsere diesjährigen Gäste schreiben zwar sehr unterschiedlich, doch ist ihnen gemein, dass sie die breite Palette des literarischen Wirkens ausschöpfen, eigenwillig, originell, analytisch präzise sowie emphatisch leidenschaftlich. Ob sie aus Vorarlberg stammen oder aus Kenia, ob sie auf Deutsch schreiben oder auf Arabisch. Ob sie fliehen oder sich der Heimat stellen mussten. Literatur, das wird in den drei Tagen im Theater Odeon in diesem Herbst hoffentlich spürbar und sichtbar werden, ist keineswegs ein Luxus, eine nette Beiläufigkeit, ein charmanter Zeitvertreib, sondern eine existentielle Begleitung unseres Lebenswegs. Wenn wir denn gelernt haben, aufmerksam und engagiert zu lesen. Mit Literatur lässt sich jede Zeit besser ertragen, auch die gegenwärtige.

Wer Ohren hat, der höre, wer Augen, der sehe, wer Beine hat, der komme in den 2. Bezirk, zu einigen angeregten Tagen geistiger Durchlüftung.  Wie stets sind uns alle willkommen und wie immer bieten wir diese poetische Grundversorgung  kostenlos an. Denn Literatur ist nicht zuletzt ein Allgemeingut, das niemals rationiert werden sollte. Auf die Kraft der Literatur!

Ilija Trojanow

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