zum festival 2015

Stimmen aus dem Iran

Bei all dem Säbelrasseln der letzten Jahrzehnte, angesichts all der Beschuldigungen und Unterstellungen, Drohungen und Warnungen, könnte man vergessen, was für ein Kulturland der Iran ist. Die erstaunliche zivilisatorische Tiefe dieses Reichs, dessen geographische Grenzen sich historisch immer wieder verschoben haben, geht Jahrtausende zurück. Die altiranischen religiösen Vorstellungen haben entscheidend das Judentum, Christentum und den Islam geprägt. Himmel und Hölle wurden zuerst von den alten Persern ersonnen; das Wort »Paradies« geht auf das persische »pairidaêza« zurück, den ummauerten Garten der Engel.

Ein Paradies war dieses Land immer wieder für die Dichtenden, denn es gibt kaum einen Flecken auf der Welt, in dem Poesie so abgrundtief geliebt und verehrt wird. Kein Wunder, dass herausragende Gestalten wie Rumi, Hafez, Saadi und Nezami nicht nur zu den größten Dichtern der Weltliteratur gehören, sondern über die Jahrhunderte hinweg enormen Einfluss auf andere Literaturen ausgeübt haben. Goethes West-östlicher Divan mag hierfür als Beispiel gelten. Selbst heute noch gehört Rumi zuden meistverkauften Lyrikern in den USA.

Die diesjährige »Literatur im Herbst« will sich natürlich vor allem den gegenwärtigen Stimmen aus dem Iran widmen, auch wenn am Samstagabend in einem Zusammenklang von Musik und Dichtung auch einige der Klassiker zu hören sein werden. Anders als das oft prämierte Filmschaffen wird die Literatur bei uns kaum wahrgenommen, obwohl der Iran eine Buchnation ist. Im Verband der unabhängigen Verlage sind mehr als 1000 Verlage organisiert, die Buchmesse in Teheran lockt sage und schreibe fünf Millionen Besucher an, die aus allen Landesteilen in Bussen anreisen und sich vor den literarischen Angeboten ballen, während die luxuriösen theologischen Schriften kaum beachtet werden. Und trotz einer strengen Zensur gelingt es einer Vielzahl von Autorinnen und Autoren, sich gewisse Freiräume zu erschreiben und eine vielfältige Prosa und Poesie zu schaffen.

Amir Hassan Cheheltan, der das Festival eröffnen wird, ist ein politisch luzider Autor, der die Gegenwart in den Umbrüchen der jüngeren Geschichte spiegelt, in bissigen Reflexionen über Macht und Opportunismus. Sara Salar hingegen gehört zu jenen Schriftstellerinnen, die in traurigen, verdichteten Geschichten den heutigen Alltag der Frauen in Iran schildern. Ihr Roman Hab ich mich verirrt war einer der großen literarischen Erfolge der letzten Jahre. Nahid Kabiri hingegen steht für die große Zahl von Dichterinnen und Dichtern, die in schön gestalteten hochwertigen Reihen erscheinen und sich erstaunlicher Popularität erfreuen.

Bedeutsam sind aber auch die Stimmen jener, die seit langem oder erst seit kürzerem im Exil leben. So etwa der große, alte Lyriker Esmail Kho’i, der aus London anreist, die in den USA lebenden Shahrnush Parsipur, deren wunderbarer Roman Frauen ohne Männer aufgrund der kongenialen Verfilmung berühmt wurde, und Shahriar Mandanipur, der mit Eine iranische Liebesgeschichte zensieren einen der intelligentesten Romane über die Unterdrückung des Wortes verfasst hat, in dem er die Zensur als sichtbare literarische Methode an seinem eigenen Werk anwendet. Abbas Maroufi, der vielen als der bedeutendste iranische Romancier seiner Generation gilt, lebt ebenso wie Shahram Rahimian und Monireh Baradaran in Deutschland. Letztere hat mit Erwachen aus dem Albtraum. Meine Jahre in den Gefängnissen von Teheran eine der bemerkenswertesten Beschreibungen über Würde und Erniedrigung unter Haftbedingungen geschrieben.

Allen eingeladenen Autorinnen und Autoren ist gemein, dass sie sich mit sehr unterschiedlichen poetischen Mitteln den zentralen Themen der iranischen Gesellschaft stellen: die traditionellen Rollenmuster, die politischen Verwerfungen, die verschleierten Wunden und Traumata. Die literarische Reise in den Iran ist von existentieller Intensität.

Ilija Trojanow

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