zum festival 2011

Via Donau

Literatur im Fluss

Blaue Donau, rote Donau, graue Donau, weiße Donau … Die Namen von Europas längstem Strom mit einer Länge von zweitausendneunhundert Kilometern sind beinahe so vielfältig wie die Zahl seiner heutigen Anrainerstaaten. Bezeichnend auch die Farbenlehre, die ein Kremser Landesgerichtsrat nach eingehender Betrachtung im Jahre 1938 erstellte: Die Donau war braun an 16 Tagen, lehmgelb an 75 Tagen, schmutziggrün an 45 Tagen, hellgrün an 47 Tagen, grasgrün an 44 Tagen, stahlgrün an 8 Tagen, smaragdgrün an 56 Tagen, dunkelgrün an 74 Tagen. Die Befürchtung, dass die erstgereihte »braune« Donau das traditionelle Bild der blauen Donau verdrängen würde, war nicht angebracht, auch wenn Hitlers Pläne einer Neuordnung Europas gerade die Donau als »den Fluss der Deutschen« bezeichneten. Das Bild änderte sich nach 1945 radikal – die »rote« Donau wurde zur Kulturgrenze zwischen freiem Westen und Osten. Zeit der Brückenmetaphern war das Jahr 1989. Zu den Konzepten diverser Donaumonarchien und Donauföderationen wollte zwischen Schwarzwald und Schwarzem Meer niemand zurückkehren, auch wenn »Donau« in Österreich nach wie vor hohen, rückwärtsgewandten kulturellen Identifikationsgrad besitzt. Derweil ging Ex-Jugoslawien in einem Flächenbrand auf. Jüngst erfand die EU eine Donauraum-Strategie – offenkundig soll es nicht bei nostalgischen Betrachtungen bleiben …

Literatur eröffnet neue und andere Räume, und seien es die einer mythischen Geographie. »Was aber jener tuet, der Strom / Weiß niemand« heißt es in Friedrich Hölderins großer Ode an den Ister, wie die Donau einst hieß. »Der scheinet aber fast / Rückwärts zu gehen und / Ich mein, er müsse kommen / Von Osten.« Vermutlich war es kein Zufall, dass Christoph Ransmayr die beiden zur Zeit der Wiedervereinigung Europas entstandenen Romane in einem erweiterten Donauraum angesiedelt hat: Tomi, Verbannungsort des römischen Dichters Ovid an der Grenze zu den Barbaren und Schauplatz von »Die letzte Welt« (1988), ist der heutige rumänische Schwarzmeerhafen Constanta. »Morbus Kitahara« (1998) spielt teilweise in einem mythisierten Straflager unweit vom KZ Mauthausen am Oberlauf der Donau. Vor einigen Jahren brachte der aus Rumänien stammende Richard Wagner in seiner Reise in das Innere des Balkan die nicht nur im Südosten Europas virulenten Fragen auf den Punkt: »Der Himmel ist leer, und der Kontinent quillt über vor unlösbaren Problemen. Europa ist überall und nirgends, es ist Hoffnung und Mythos zugleich, verantwortlich für alles und Sehnsucht dazu. Der Himmel ist leer, und Europa ist sein Ersatz.« Sollte der Fluss mit seinen zehn Anrainerstaaten Antworten liefern? Und vermögen das ihre AutorInnen? Der ungarische Dichter Attila József blieb in seiner Vision der Donau skeptisch: »Ich saß am Kai, auf der unteren Stufe, / sah vorbeirücken den Melonerumm. / Hörte kaum was in meines Schicksals Tiefe, / die Fläche schwatze, doch der Grund war stumm.«

Die Donaureise der »Literatur im Herbst 2011« wird vom ungarischen Kulturwissenschaftler László Földényi mit dem Vortrag »Welche Farbe hat die Donau« eröffnet. Christoph Ransmayr und Ilija Trojanow vollziehen in ihrer Doppellesung einen Wechsel der Blickrichtung zwischen Ost und West; Michal Hvorecký erzählt ausgehend von seiner mehrjährigen Erfahrungen an Bord eines Ausflugsschiffs die »amerikanische Donau«. An drei Tagen lesen 22 Autoren und Autorinnen aus zehn Ländern – u. a. trägt die aus Ungarn stammende Zsuzsanna Gahse ihre »Donauwürfel« vor; der in Berlin lebende Richard Wagner beschreibt in seinem Roman »Belüge mich« das spannungsvolle Verhältnis zum Land seiner Herkunft Rumänien; Michail Schischkin, der in einem früheren Roman den »Meridian Ismail« als Grenze zwischen West und Ost sistierte, behandelt in »Venushaar« die dringlichste aller europäischen Fragen – jene der Flüchtlinge. Mircea Cartarescu stellt den zweiten Band seiner Orbitor-Trilogie vor; Peter Zimmermann peilt das Schwarze Meer in seinem Krimi »Letzte Ausfahrt Odessa« an; Oswald Egger dichtet das Mündungsdelta der Donau und die vorgelagerte »Schlangeninsel«, wo alles seinen europäischen Ausgang nahm, neu.

Erich Klein

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