6-10

Bayer // Hinterberger // Jelinek // Celan // Priessnitz
6
Konrad Bayer

der sechste sinn. roman (1966)

»Konrad Bayers Text ist ein avantgardistischer und zeitloser Text zugleich; denn seine ›Avant­garde‹ meint weniger eine historische Einordnung, sondern vielmehr eine systematische Perspektive, die selbst dann noch gilt, wenn klassisch avantgardistische Verfahren selbst historisch geworden und in der nachfolgenden Literatur längst etabliert oder auch längst ver­schwunden sind, wie z.B. die Montage, das Zitat, das Experiment, die Wiederholung. Denn der sechste sinn erlaubt Einblicke in die sprachliche Konstitution von Sinn in Kommunikation, Wahrnehmung und Bewußtsein, die wissenschaftlich erst später durch neuere wissenschaftliche und philosophische Theorien eröffnet worden sind. der sechste sinn ist daher programmatischer Titel und Text: er beobachtet das Unbeobachtbare, nämlich Sinn in den uneinholbaren und unhintergehbaren Prozessen seiner Konstitution, und macht daher disponibel, was Sinn erzeugt, z.B. Bedeutung oder Identität. ›der sechste sinn‹ ist jener Sinn, der zeigt (nicht sagt), wie Sinn aus Sinn entsteht, welchen produktiven und rezeptiven Bedingungen, ja Restriktionen der Sinn in der bürgerlich-patriarchalischen Gesellschaft unterliegt. Deswegen kann man den sechsten sinn nicht interpretieren, seinen Sinn nicht repräsentieren, weil er seiner Interpretation immer schon vorausgeht und nur performativ präsent ist. Man kann ihn nur erleben.«
Oliver Jahraus

7
Ernst Hinterberger

Kleine Leute. Roman einer Zeit und einer Familie (1989)

»Ernst Hinterbergers Kleine Leute wird dem Untertitel des Buches gerecht: Roman einer Zeit und einer Familie. Er ist aber mehr: Ein Roman, mittels dessen die Geschichte der Wiener Arbeiterbewegung des letzten Jahrhunderts abgehandelt, befragt, anschaulich gemacht wird. Das Buch handelt, nein, nicht von den Schuberts, sondern von der Familie Schubert, die vier Jahrzehnte österreichischer Geschichte am eigenen Leib erlebt – und erleidet. Außerdem ist das Buch eine verkappte Liebeserklärung an den fünften Wiener Gemeindebezirk, an Margareten, an den sowohl Autor als auch Rezensent auf jedes nationale Maß überschreitende Weise fixiert sind. Es ist die schönste Bezirkschronik obendrein, die mir je in die Hände gekommen ist. Eingewoben in die Familiensaga und in die politische Geschichte des letzten Jahrhunderts sind Problemkonstanten, mit denen auch wir uns auseinandersetzen, abmühen müssen: ungerechte Einkommensverteilung, Armut, repressive Staatsorgane, wuchernde Stadterweiterung, leichtgläubiges Hereinfallen auf wohlklingende Rattenfängertöne, leichtfertiges Anpassen an übergeordnete Instanzen. Problemkonstanten nicht nur, aber auch der Arbeiterbewegung, der Sozialdemokratie. Hinterberger beschreibt sie mit dem linken hoffenden, dem rechten enttäuschten Auge. Das Buch ist auch eine von Sympathie geprägte Betrachtung, eine Abrechnung mit den historischen Fehlern einer Partei, mit der eigenen Hoffnung.«
Erich Demmer

8
Elfriede Jelinek

Lust (1989)

»Jelineks Buch Lust ist keine Pornographie, es ist vielmehr eine bis an die Grenze des Möglichen und Machbaren reichende Ästhetik des Obszönen, zu dem die Macht, der Kapitalismus, die Sprache und der Sex, eben das Patriarchat, gehören. Damit geht Jelinek weit über de Sade und die schwarze Aufklärung hinaus. Obszön ist – das zeigt ihr Buch Lust –, was die Gewalt beklatscht. Ästhetik des Obszönen ist die schonungslose Mikroskopie des trivialen Lebens.«
Matthias Luserke-Jaqui

9
Paul Celan

Mohn und Gedächtnis (1952)

»Es war nicht seine erste Publikation und – streng genommen – nicht sein erster Gedichtband, aber mit Mohn und Gedächtnis trat Celan erstmals an eine breitere Öffentlichkeit – und bekundete mit einem Schlag seinen Anspruch und seine Bedeutung für die Dichtung nach 1945. Der Band ist kein einheitlich durchgestalteter Zyklus; er vereint frühe Gedichte, deren Ton und deren formale Gestaltung noch an die Jugendlyrik der Czernowitzer Zeit erinnern, mit solchen, die in den Monaten in Wien oder der ersten Zeit in Paris entstanden. Einige sind zwar Liebesgedichte (gewidmet Ingeborg Bachmann), wenn auch solche, die zugleich bitter sind von der Erfahrung der Heimatlosigkeit, andere sind orphische Besuche im Jenseits der verlorenen Menschen. Zwischen den früheren, die Celan aus dem Zyklus Der Sand aus den Urnen übernommen hat, und den neueren Gedichten steht als unübersehbare Zäsur die ›Todesfuge‹. Kein anderes Gedicht ist so unlösbar verbunden mit der epochalen Frage Theodor W. Adornos, ob es denkbar sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben.«
Axel Gellhaus

10
Reinhard Priessnitz

vierundvierzig gedichte (1978)

»Die vierundvierzig gedichte von Reinhard Priessnitz (1945–1985) sind ein ›Grundbuch‹ der Dichtung in mehrfacher Hinsicht. Weil sich jedes einzelne dieser Gedichte einer je unterschiedlichen dichterischen Herausforderung stellt und diese mit den Mitteln der Poesie zu einem Ende bringt, sind in diesem Buch die Grundfragen der Dichtung zugleich noch einmal aufgeworfen und ›im Wesentlichen endgültig gelöst‹. Zugleich aber, und dies zeigt die historische Anschlussmöglichkeit der Dichtung von Reinhard Priessnitz an ihm voraufgehende Traditionen und ihm folgende Generationen, sind diese vierundvierzig gedichte auf das Unabschließbare, Fragmentarische hin angelegt, das einem kosmogonischen Lösungsmodell der poetischen Welterkenntnis radikal skeptisch gegenübersteht.«
Thomas Eder

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der ersten 75 Grundbuch-Veranstaltungen sind 2007, 2013 und 2019 in der Buchreihe profile des Wiener Zsolnay Verlags erschienen.





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