11-15

Kerschbaumer // Doderer // Handke // Okopenko // Lavant
11
Marie-Thérèse Kerschbaumer

Der weibliche Name des Widerstands (1980) 

Fast ein Vierteljahrhundert nach seinem Erscheinen Marie-Thérèse Kerschbaumers Buch Der weibliche Name des Widerstands wieder zu lesen, kann nicht nur bedeuten, den Mut, die Eigenwilligkeit und die sprachliche Präzision dieser »Berichte« retrospektiv noch einmal zu würdigen, sondern muß auch bedeuten, dieses Buch mit jenen Entwicklungen zu konfrontieren, die die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an seine Opfer mittlerweile zum Bestandteil einer globalisierten Holocaust-Kultur gemacht haben. Was die nuancierte Sprache von Marie-Thérèse Kerschbaumer zu leisten vermochte und noch immer zu leisten vermag, welche Perspektiven des Erinnerns dadurch freigelegt wurden, wird so nicht zuletzt im Kontext jener Strategien der Erinnerung zu sehen seien, die in den letzten beiden Jahrzehnten die Diskursformen im Kampf gegen das Vergessen bestimmten. Wohl stand Kerschbaumers Buch am Beginn dieses Diskurses, war ein entscheidendes Initial. Es stand und steht aber in seiner spröden und traurigen Schönheit bis heute quer zu den ideologisch-moralischen Schematismen, die die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nur allzuoft dominieren.
Konrad Paul Liessmann

12
Heimito von Doderer
Die Dämonen (1956)

 Mit seinen Dämonen (1956) wollte Doderer einen Roman schreiben, der sein Substrat mit dem unter diesem Titel bekannten Roman Dostojewskis teilte: Skandal und Revolte. Doderers Dämonen gipfeln im Brand des Justizpalastes am 15. Juli 1927. Die virtuose Verknüpfung der verschiedenen Handlungsstränge kann über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass Doderer sein Ziel nicht erreichte, nämlich alle ideologischen Beimengungen auszuräumen. Aber es sind gerade die Widersprüche und Risse, die das Werk für den heutigen Leser interessant machen, und im Scheitern werden die Probleme und Aporien des Erzählens deutlich wie kaum in einem anderen großen Roman der Nachkriegszeit.
 Wendelin Schmidt-Dengler

13
Peter Handke

Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos (2002)

Mit Der Bildverlust knüpft Handke nahtlos an die Zeit vor den umstrittenen Kriegs-Reiseberichten an. [] Viele Motive in dem neuen Roman werden Handke-Leser wiedererkennen, das Reisen, die Suche nach dem Absoluten, bei gleichzeitiger Versenkung in die Details des Alltags. Die Lust an der Überhöhung, die Lust an einer perfekten Ordnung. Das Schwärmerische, die Grenze zum Kitsch, die Handke wohl bewusst sucht, um die Sehnsucht im Kern zu treffen. Vielleicht hat er recht, vielleicht ist Sehnsucht prinzipiell kitschig. Vielleicht ist Kitsch also berechtigt? Diese Fragen werden nicht direkt gestellt, aber umkreist. Die Poesie, die Sprache, werden in dem neuen Buch allerdings durch die »Bilder« ersetzt, die zugleich daseinsbestimmend seien und bedroht, durch was auch immer bedroht – durch Virtualität, Massenmedien, Geschwindigkeit? [] Du sollst dir ein Bildnis machen, lautet Handkes Devise. »Im Bild wurde ich täglich erlöst, und geöffnet, aber nicht für eine Religion. Im täglichen Bild wurde ich ein anderer, aber nicht für eine Ideologie, nicht für eine Massenbewegung«, heißt es im abschließenden Zwiegespräch zwischen Heldin und Autor. Wie explizit die Literatur ihren poetischen Intentionen Ausdruck verleihen darf, ist eine alte Frage, über die die Kritik entscheiden muss. Aber beruhigend ist es schon jetzt, festzustellen, dass Handke seine serbische Rachefalle verlassen hat. Sein neuer Roman stellt endlich wieder eine Herausforderung für die Kritik dar. Und nicht nur für den politischen Kommentar.
Ina Hartwig

14
Andreas Okopenko

Lexikon-Roman (1970)

Andreas Okopenkos Lexikon-Roman ist ein Grundbuch der Literatur seit 1945, weil er zu den philosophischsten Texten der Epoche gehört: Womit sich die Theoretiker sonst herumschlagen – Identität, Simultaneität, Virtualität –, behandelt er auch, aber aufgelöst in einen Wirbel funkelnder kleiner Prosastücke, die alle Denkschwere leichtfüßig hinter sich lassen. Obwohl er so tut, als folge er einer der ehrwürdigsten Ordnungen des Wissens, nämlich dem Alphabet, und sich in Lexikoneintragungen gliedert, haben seine Originalität und sein Einfallsreichtum die betreffenden Register längst vorher gesprengt;
    weil er zu den sinnlichsten Texten der Epoche gehört: Neugierig, undressiert und politisch völlig unkorrekt verhält er sich zum Essen und zur Liebe und bevorzugt in jedem Fall die Fülle. Was ihn beschäftigt, mag appetitlich sein oder anal – seine Sprache gibt allen Sinnesorganen imaginativ was zu tun und erzeugt Geruch, Geschmack und hautnahes Gefühl;
    weil er zu den witzigsten Texten der Epoche gehört: Dieser Roman einer »sentimentalen Reise« wechselt blitzschnell vom Kasperlspaß zur sublimen Pointe. Was er da als komische Revue inszeniert, ist am Ende ein Panorama seiner Zeit geworden.
Konstanze Fliedl

15
Christine Lavant

Spindel im Mond (1959)

In ihren Gedichten baut Christine Lavant eine Welt auf, die aus so allgemeinen wie undurchdringlichen Bildern und Begriffen wie Erde und Mond, Mensch und Gott zusammengestellt ist []. Die Erfahrung, mit der sie ihre Bilder erschaut, ist im Leiden begründet. Die Vorstellungsarten, die ihre Lyrik beseelen, bestehen aus immer neuen Verbindungen magischer, mystischer und religiöser Elemente. Wichtige Mittel ihres Stils entstammen der Volkspoesie, doch verschmelzen sie mit charakteristischen Eigenschaften der modernen Lyrik. Daraus ergibt sich ein höchst individueller wie auch zeitlos wirkender Ton. Kennzeichnend dabei ist, wie schlichte Aussagen mit Metaphern zusammenwirken, die den Blick auf eine zwar vertraute, jedoch neue und visionäre Seelenlandschaft öffnen.
Jeremy Adler

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der ersten 75 Grundbuch-Veranstaltungen sind 2007, 2013 und 2019 in der Buchreihe profile des Wiener Zsolnay Verlags erschienen.





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