1-5

Aichinger // Bachmann // Wander // Innerhofer // Gütersloh
1
Ilse Aichinger

Die größere Hoffnung (1948)

Die österreichische Literatur seit 1945 bildet ein enges Netz einzelner Publikationen. Die Reihe Grundbücher wird ab 2002 mehrfach dessen Knotenpunkte hervorheben: Bücher, denen aufgrund ihres Themas oder ihrer Form eine exemplarische Stellung zukommt, oder solche, die eine spezifische Wirkung oder einen besonderen Einfluss entfaltet haben. Nicht der Kanon steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich, was bleibt – oder genau aus diesem Grund: bleiben soll –  mit einer aktuell-zeitgenössischen Lektüre verbinden lässt.
Der Prolog der Reihe ist Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung gewidmet. Mit dem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichten Erinnerungstext Wien 1945, Kriegsende ist die Autorin unlängst zur Ausgangssituation ihres Romans auf lakonische Weise zurückgekehrt.
Louis Malles Auf Wiedersehen, Kinder kann gleichsam als indirekte Verfilmung von Ilse Aichingers Roman betrachtet werden. Richard Reichensperger wird darauf vor Beginn der Vorführung des Films, die Ilse Aichinger gewidmet ist, hinweisen.
Redaktion

2
Ingeborg Bachmann

Die gestundete Zeit (1953)

Mit dem Gedichtband Die gestundete Zeit wurde Ingeborg Bachmann berühmt. Der Titel stellte eine prägnante Formel dar für die geschichtlichen Hoffnungen nach dem Krieg und zugleich für das Bewusstsein der Begrenztheit dieser Chance eines Neubeginns. Von den vielen anderen, scheinbar ähnlichen Zeitgedichten der frühen fünfziger Jahre, mit denen Bachmanns Lyrik den Widerstand gegen die Restauration teilt, unterscheidet sich Die gestundete Zeit aber durch das in vielen Gedichten sich manifestierende Gedächtnis einer nicht abgetragenen Schuld. Heute, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen des Lyrikbandes, ist dieses Gedächtnis der Texte besser wahrnehmbar, und auf dem Hintergrund von Bachmanns Todesarten-Projekt sind auch ganz neue Verständnismöglichkeiten dieser frühen Gedichte fällig.
Hans Höller

3
Fred Wander

Der siebente Brunnen (1971)

Sechsundzwanzig Jahre nach Kriegsende, im Jahre 1971, veröffentlicht der Wiener Schriftsteller Fred Wander seine Erzählung Der siebente Brunnen. Wander, der die Konzentrationslager der Nationalsozialisten überlebt hat, berichtet aus der Sicht der zum Tode Verurteilten über die letzten Wochen in Buchenwald. Seine Erzählung hält die Erinnerung an achtzehn mit Namen und Schicksal identifizierbare Häftlinge wach, sie fragt, was nach Hunger, Folter und Todesnähe der jüdische Glaube dem Menschen noch bedeuten kann. Auf kaum ein Buch ließe sich Ilse Aichingers Meinung, das Erzählen sei ein ›Reden unter dem Galgen‹, so zutreffend, ja so buchstäblich anwenden. Die Verbindung von literarischer Dokumentation, dem Erzählen von Geschichte und dem jüdischen Geschichtenerzählen ist in Fred Wanders Erzählung geglückt. Sein Buch wurde in viele Sprachen übersetzt und erhielt mehrere literarische Auszeichnungen. Es gibt, sieht man von Jean Amérys Bewältigungsversuchen eines Überwältigten ab, in der österreichischen Literatur kein Buch, das das Gedächtnis an die Toten der Konzentrationslager auf so eindringliche und dabei so lebensbejahende, optimistische Weise aufbewahrt.
Klemens Renolder

4
Franz Innerhofer

Schöne Tage (1974)

Schöne Tage hat innerhalb der deutschsprachigen Literatur wie ein Meteor eingeschlagen. Franz Innerhofer wurde ein Platz zugewiesen, den zu verlassen ihm mit keinem seiner nachfolgenden Bücher vergönnt war. Der unverhohlen autobiographische Bericht über eine Leibeigenschaft auf dem Land wurde von der zeitgenössischen Rezeption als mustergültiges Beispiel der Anti-Heimatliteratur gefeiert und von Teilen der Kritik gegen die sprachkritische Linie der österreichischen Literatur ausgespielt. Hierbei blieb oft unerwähnt, dass auch die ›gelebten‹ Sätze Innerhofers nicht gottgegeben sind, sondern einer sprachlich-literarischen Umsetzung bedürfen. Derartige ›Konstruktionen des Autobiographischen‹ werden die Relektüre des Buches in hohem Grad bestimmen.
Klaus Kastberger

5
Albert Paris Gütersloh

Sonne und Mond (1962)

Güterslohs Sonne und Mond ist ein Jahrhundertwerk: ein Buch, das zur Gattung gehört, die der Dichter Franz Steiner als ›unendlichen Roman‹ bezeichnete – ohne Anfang, ohne Ende. Veröffentlicht wurde nur ein Bruchstück. Und doch hat Güterslohs Schrift die Verehrung so unterschiedlicher Autoren auf sich gezogen, wie Heimito von Doderer, der sich als Güterslohs Schüler bezeichnete, und Helmut Heißenbüttel. Intellektuell und ästhetisch gehört Sonne und Mond zu den geistreichsten Aussagen des Jahrhunderts. Es handelt sich aber zugleich um ein zutiefst problematisches Werk. Zwar enthält es Passagen von ungeheurer Schönheit und besitzt Partien, die neben Musils Mann ohne Eigenschaften in der modernen deutschsprachigen Literatur einzigartig sind, doch ist es zuletzt auch selbst Ausdruck und Opfer der Ideologien jenes fatalen Jahrhunderts. Es führte nicht zuletzt auch zum Bruch zwischen Gütersloh und Doderer (der sich in einer bösartigen Karikatur hier wohl erkannt haben wird), und enthält so manches, das auch dem heutigen Leser als fragwürdig erscheinen wird. Und doch, wie Gütersloh von Sonne und Mond behauptete, wenn man das Werk bloß wütig in die Ecke würfe, würde es sich dort selbst weiterlesen. Ein Buch also, das zur Stellungnahme geradezu auffordert.
Jeremy Adler

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der ersten 75 Grundbuch-Veranstaltungen sind 2007, 2013 und 2019 in der Buchreihe profile des Wiener Zsolnay Verlags erschienen.





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