16-20

Kain // Fritz // Drach // Schwaiger // Achleitner/Artmann/Rühm
16
Franz Kain

Der Weg zum Ödensee (1973)

Zu keiner Zeit der neueren Geschichte wurde dem Menschen (hier und überall dort, wo der großdeutsche Stiefel hintrat) mehr angetan als zwischen 1914 und 1945. Die Geschichten dieses Bandes decken, von der mit feiner Ironie durchsetzten Nachrede für Habsburg, die zugleich ein raffiniertes Lehrstück über das Geschichtenerzählen ist, bis zur großen, titelgebenden Erzählung Der Weg zum Ödensee, exakt diesen zeitlichen Rahmen ab. Es sind Geschichten, die den Weg von einer Katastrophe in die nächste markieren: Erster Weltkrieg, Bürgerkrieg im Februar 1934, Zweiter Weltkrieg, die schönfärberisch »Euthanasie« genannte »Vernichtung lebensunwerten Lebens«, Mauthausen, Widerstand, Kriegsende – Stationen eines Kreuzweges, des Hakenkreuzweges unserer Geschichte.
Klaus Amann

17
Marianne Fritz

Dessen Sprache du nicht verstehst (1985)

Nachdem das Proletariat seine welthistorische Mission, die endgültige Befreiung der Menschheit aus der Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, nicht imstande war zu erfüllen, ist es wohl an der Zeit, die große Epöpoe zu singen auf diese letzte tragische Figur des 19. Jahrhunderts – vielleicht die letzte von Geschichte überhaupt. Solchen, doch etwas undankbaren Aufgaben hat sich die österreichische Schriftstellerin Marianne Fritz mit Bravour gestellt. Zu dem großen Lied auf den Untergang einer Arbeiterfamilie hat sie alles an Sprache mobilisiert, was heute noch zur Verfügung steht, hat sie die letzten Reserven des Erzählens ausgeschöpft: Wie dem Proletariat selbst ist auch diesem Roman die Anstrengung auf die Stirn geschrieben. Dennoch: Die Bedeutung von Dessen Sprache du nicht verstehst liegt nicht in einer verkrampften politischen Intention, sondern in der Gelöstheit einer poetischen Struktur, die in ihrer Art unvergleichlich genannt werden könnte – wenngleich in Kunstdingen jede Einzigartigkeit unmittelbar korrespondiert mit der Geschichte ihrer Gattung.
Konrad Paul Liessmann

18
Albert Drach

Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum (1964)

Das große Protokoll gegen Zwetschkenbaum ist am Ende der Habsburgermonarchie und in der Ersten Republik angesiedelt. Der Talmud-Schüler Schmul Leib Zwetschkenbaum wird des Diebstahls von Zwetschken bezichtigt. Mithilfe von Drachs virtuos gehandhabtem Protokollstil wird ohne die schonende Distanz einer Erzählerperspektive gezeigt, wie die Obrigkeit mit ihrer perfiden, offiziösen Sprache ihr Opfer einwickelt und vernichtet.
Redaktion
Das Zusammentreffen so vieler Widersinnigkeiten ist unsagbar komisch und erinnert an Schriftsteller wie Kafka, Musil, Herzmanovsky-Orlando und eben auch Jaroslav Hašek: Dies sollte den Leser aber nicht verleiten, die Geschichte einer ›versunkenen‹ Welt zuzuordnen. Unter etwas abgewandelten Umständen ist vieles von dem Damaligen heute noch durchaus lebendig, oder vielleicht sollte man sagen: tödlich wirksam – Diskriminierung, Aggressivität, ein auf Gerechtigkeit und Glück der Menschen wenig Rücksicht nehmender Staatsapparat, eine Sprache, die das Humane erstickt, und Verhältnisse, die auch außerhalb dieser Institutionen an Strafanstalten und Narrenhäuser gemahnen.
Egon Schwarz

19
Brigitte Schwaiger

Wie kommt das Salz ins Meer (1977)

Eine Ich-Erzählerin schildert ihre Passage durch die Ehe, von der Hochzeitsfeier über das Entsetzen über die Identität als Hausfrau, den Hausfreund als unmöglichen Ausweg und die nach einer Abtreibung ausbrechende Krise, Valium und Psychiatrie und schließlich, nach der Scheidung, die Rückkehr ins Elternhaus.
Redaktion
Wie kommt das Salz ins Meer, vor 26 Jahren geschrieben, [wurde] ein sensationeller Erfolg, übersetzt in viele Sprachen und verfilmt. Die Aufzeichnungen einer jungen Ehefrau, Nachrichten und Beobachtungen aus der gutbürgerlichen Gummizelle, notiert mit keckem Scharfblick im Ton naiver Wahrhaftigkeit. [] Die Selbstverlogenheit ihrer Charaktere formt und präzisiert sie durchs Sprachliche aus der Distanz, beobachtend mit einer scheinbar arglosen Unmittelbarkeit, literarisch erzählend, mühelos dahinfließend über Abgründe. Das ist genau gearbeitet, bisweilen komisch, satirisch, und kann, wie es geschrieben ist, nur von einer Frau sein, nur von ihrem Platz aus, im doppelten Boden der Gutbürgerlichkeit.
Viola Roggenkamp (in: Die Welt)

20
Friedrich Achleitner/H.C. Artmann/Gerhard Rühm

hosn rosn baa (1959)

Die drei jungen Autoren [] kommen nicht von der Mundart und ihrer Gesinnung her, sondern sie entdecken jene auf ihrem Wege: und mit ihr eine Fülle klanglicher Valeurs, welche das Hochdeutsche garnicht bietet; auch von der außerordentlichen Konkretheit der Mundart wurden sie bezaubert, und noch von anderen ihrer Qualitäten. Artmann, Rühm und Achleitner sind keine Dialektdichter. Wohl aber haben sie auch Dichtungen im Dialekt geschrieben. Vielen davon eignet ein parodistischer, ein den Dialekt selbst parodierender Charakter. Das läßt an Karl Kraus denken, aber nie an Stelzhamer oder Thoma.
Heimito von Doderer (im Vorwort zum Buch)

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