61-65

Ujvary // Gruber // Haslinger // Schindel // Valencak
61
Liesl Ujvary

Rosen, Zugaben (1983)

Liesl Ujvarys Gedichtband ist im Umfeld der vorangegangenen sprachanalytischen Gedichtsammlungen der österreichischen Gegenwartsliteratur von Reinhard Priessnitz (44 gedichte, 1978 – Grundbuch Nr. 10), Heidi Pataki (schlagzeilen, 1968 – Grundbuch Nr. 26) und Franz Josef Czernin (mundgymnastik&jägerlatein, 1982) zu betrachten. Im Gegensatz zu Priessnitz, Czernin und Pataki, die überlieferte Gedichtformen mit Weiterentwicklung und »Überdrehung« tendenziell erhalten, dekonstruiert Ujvary deren »Stimmungen« und »Sujets« samt ihrem affektiv markierten Wortmaterial, die in der prismatischen Brechung ihrer überwiegend ein-, drei- oder vierstrophigen Gedichte nur mehr schemenhaft zu erkennen sind.
Redaktion
»Es ist hier zu beobachten, dass die im Grunde einfachen Einzelelemente der sozusagen klassischen Konkreten in etwas Neues überführt werden, was doppelt gelesen werden kann: als Polemik, als banale Lapidarität und als Struktur einer ganz neuen, immer tiefer greifenden Sprachveränderung.«
Helmut Heißenbüttel

62
Reinhard P. Gruber

Aus dem Leben Hödlmosers (1973)

Einen »Pop-Roman mit Gamsbart, eine Philosophie-Parodie im Steireranzug« kündigt der Droschl Verlag 1999 bei der Wiederauflage im Rahmen der Werkausgabe an – und in der Tat: Reinhard P. Grubers Aus dem Leben Hödlmosers. Ein steirischer Roman mit Regie (Residenz, 1973) hat das Zeug zum Kultbuch. Insbesondere dessen erster, lapidar »Steirer« genannter Teil zeigt die sprachliche Genese eines in sich geschlossenen, scheinbar naturgegebenen Weltbildes, in dem durch kurzschlüssige Scheinsyllogismen ein territorialer Heimatbegriff herbeigesprochen und im Mythos bewahrt wird. Gruber führt die »Naturalisierung« des historisch Gewordenen in reduktionistischen Heimatkonzepten, insbesondere in der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus mit ihrer Identifikation von Landschaft und Charakter, sprachsatirisch ad absurdum und ironisiert die zugrundeliegende Geisteshaltung, indem er Klischees traditioneller Heimatroman-Heftln vom Wildern bis zum Weibern in seinen »Regieanweisungen« sprachlich mit Versatzstücken anderer Sprachspiele – etwa dem Wissenschaftsjargon der Frankfurter Schule oder den Fachsprachen der Juristen, Psychologen und Theologen – konfrontiert und so die scheinbar naturwüchsige Verbindung von Rausch und Blutrausch, Gemütlichkeit und Gewalt als sozial und sprachlich konstruierte sichtbar macht. Über die Folie des Anti-Heimatromans hinausgehend erzeugt die Diskrepanz von Ausdruck und Inhalt aber vor allem Komik. Franz Josef Hödlmoser stellt – ähnlich wie Artmanns »ringlgschbüübsizza« in »blauboad« – in grotesker Übersteigerung bei gleichzeitiger Verharmlosung einen (nicht nur steirischen) Typus mit Wiedererkennungswert dar, dessen gewalttätige Schwäche dem Lachen und darin Sich-Selbst-Verlachen als Mittel der Subversion ausgesetzt wird.
Daniela Bartens

63
Josef Haslinger

Opernball (1995)

Mit dem Roman Opernball ist Josef Haslinger 1995 schlagartig im deutschen Sprachraum bekannt geworden. Sein zentrales Thema – den von einer Gruppe Rechtsradikaler verübten und im Fernsehen übertragenen Giftgasanschlag auf das Glanzereignis der österreichischen Repräsentativgesellschaft – beleuchtet das Werk von mehreren Seiten: Ein Erzählstrang beschäftigt sich mit der zeitgeschichtlichen Herleitung und detailgenauen Beschreibung der gewaltbereiten Gruppe politischer Aktivisten, die den Anschlag ausführten, verschränkt mit Befunden über eine hedonistische Gesellschaft ohne ethischem Fundament. Ein weiterer Handlungsstrang erzählt die Familiengeschichte eines TV-Redakteurs. Diese ist einerseits durch die Menschenverfolgung der Nationalsozialisten, andererseits durch den Drogenkonsum des Sohnes geprägt, was wiederum mit den Interviews, die der Redakteur nach dem Terrorakt mit Anwesenden und einem Beteiligten führt, korrespondiert. Nicht zuletzt wirft der Roman ein Licht auf die Problematik der Enteignung persönlichen Leids und Unglücks in der totalen Mediengesellschaft.
Redaktion

64
Robert Schindel

Fremd bei mir selbst. Die Gedichte 1965-2003 (2004)

Natur, Liebe, Poetologie, Sprachreflexion, Existenz mögen die Themen von Schindels liedhafter Dichtung sein, ihr Grundton ist seit je, und nicht erst mit dem Gewahr-Werden des eigenen Alterns, melancholisch. Zu seinem sechzigsten Geburtstag erschien 2004 ein Sammelband seiner bis dahin verfassten Gedichte. Sinnlichkeit und Lebenslust ziehen darin ihre Spuren, die sich mit der Sprachlosigkeit vor vergangenen und gegenwärtigen Bedrohungen und Gräueln stets kreuzen. An diesen Schnittpunkten ereignen sich die Momente der dichterischen Kreativität: In Liedern, Balladen, Elegien, Sonetten, reimlosen Gedichten und – zuweilen auch – im dialektischen (Polit-)Gedicht erblühen neue Wortschöpfungen, werden entgegengesetzte Stimmungen wie im Film miteinander montiert, erklingen zeitgenössische Echos Heines und Celans.
Redaktion

65
Hannelore Valencak

Das Fenster zum Sommer/Zuflucht hinter der Zeit (1967)

Hannelore Valencak (1929–2004) zählt zu den wichtigen weiblichen literarischen Stimmen der Nachkriegsliteratur, auch wenn es bisher nicht gelungen ist, durch Neuauflagen ihre Wiederentdeckung einzuleiten. In ihrem Roman Das Fenster zum Sommer (1977, 2006) – erstmals 1967 unter dem Titel Zuflucht hinter der Zeit erschienen – entzaubert Valencak schonungs- und mitleidslos die stereotypen Glücksversprechen für Frauen in den 1950er und 1960er Jahren. Was diesen Roman »im Zeitalter der sexistischen Extreme« (»Falter«) so aktuell erscheinen lässt, ist neben der lakonischen Beschreibung von Geschlechterverhältnissen seine raffinierte Erzählweise. Das Zurückspulen der Zeit vor ihre Heirat ermöglicht der Protagonistin einen Abschied von falschen Versprechungen und einen Ausblick auf eine unsichere und bisweilen bedrohliche Zukunft eines selbstbestimmten Lebens.
Christa Gürtler

publikationen

Dokumentationsbände

der ersten 75 Grundbuch-Veranstaltungen sind 2007, 2013 und 2019 in der Buchreihe profile des Wiener Zsolnay Verlags erschienen.


der hammer nr. 66